CD der Woche

Bach vs. Scheibe

6. September 2025, 07:35 Uhr

Interpreten: Marie-Sophie Pollak, Concerto Köln, Max Volbers

Label: Berlin Classics

EAN: 885470040998

Viel mehr als den ersten Vornamen haben sie nicht gemeinsam und ob Johann Sebastian Bach und Johann Adolph Scheibe je für ein CD Programm zusammengearbeitet hätten? Wohl eher nicht, denn die beiden Komponisten verband weniger Freundschaft als vielmehr eine musikalische Fehde, die in die Musikgeschichte eingegangen ist. Umso schöner ist es jetzt, dass das Concerto Köln unter Max Volbers und die Sopranistin Marie-Sophie Pollak die beiden Streithanseln zusammenführen und Gemeinsamkeiten wie auch musikalische Unterschiede zeigen. 

Johann Adolph Scheibe war ein scharfer Kritiker des barocken Übermaßes und warf seinem weit berühmteren Zeitgenossen Johann Sebastian Bach vor, seine Musik sei schwülstig und unnatürlich. Bach hat sich nicht öffentlich auf die Polemik eingelassen, hat seinen Einfluss allerdings an anderen Stellen spürbar werden lassen, als es z.B. um die Stelle des Thomasorganisten in Leipzig ging, die Scheibe schlussendlich nicht erhalten sollte. Doch lasen wir Geschichte Geschichte sein und wenden uns dem heute zu, dem klanglichen Streitgespräch, das Concerto Köln unter der Leitung von Max Volbers mit historischer Raffinesse und interpretatorischer Tiefe inszeniert.

Die Auswahl der Werke ist klug getroffen: Kantatenausschnitte und Instrumentalstücke beider Komponisten wechseln sich ab und lassen die stilistischen Unterschiede hörbar werden. Während Bach mit kontrapunktischer Dichte und emotionaler Tiefe glänzt, zeigt Scheibe sich als Vertreter einer neuen, galanten Klarheit – weniger komplex, aber keineswegs oberflächlich. Marie-Sophie Pollak überzeugt dabei mit einer Stimme, die sowohl die barocke Virtuosität als auch die empfindsame Eleganz der galanten Musik mühelos meistert. Ihre Gestaltungskraft verleiht den Arien beider Komponisten eine berührende Authentizität. Concerto Köln wiederum spielt mit jener klanglichen Präzision und historischen Sensibilität, die das Ensemble seit Jahrzehnten auszeichnet. Unter dem Cembalisten und Blockflötenvirtuosen Max Volbers wird so aus einem historischen Disput ein spannender Dialog, der zeigt: Gegensätze können inspirieren. Und wieder gilt die alte Weisheit: Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte – und das sind in dem Fall wir, das Publikum! (mg)