Rezensionen

Carmen in Salzburg

27. Juli 2026, 08:20 Uhr

SF / Thomas Aurin Asmik Grigorian (Carmen), Jonathan Tetelman (Don José)

Georges BizetsCarmen mit Asmik Grigorian in der Titelrolle ist bei den diesjährigen Salzburger Festspielen DER Publikumsmagnet. Im Vorfeld bereits lange ausverkauft ging gestern Abend, nach der feierlichen Eröffnung am Vormittag, die Premiere im Großen Festspielhaus über die Bühne. 

Carmen - bewegend anders. So ließe sich diese Produktion der Salzburger Festspiele überschreiben. Die argentinisch-italienische Regisseurin und Choreografin Gabriela Carrizo mischt ihre Tanztheater-Kompanie Peeping-Tom mit der charakteristischen Bewegungssprache ins Geschehen. Das bringt mitunter eine Dopplung der Charaktere und vor allem eine ganz eigene, punktuell ungemein rasante Dynamik. Die Szenerie ist düster, karg, grau. Der Fokus liegt ganz auf dem psychologischen Aspekt des Paares Carmen und Don José. Asmik Grigorian legt all ihre immense Ausdruckskraft in die außergewöhnliche Frauenfigur. Ob der geforderten Tiefe der Partie klingt die Sopranistin stellenweise beinahe ungewohnt. Jonathan Tetelman ist der absolut richtige Don José für diese Produktion. Stark, schön, durch und durch glaubhaft - ein bis zur tödlichen Verzweiflung liebender Mann mit emotionaler und stimmlicher Tiefe. Kristina Mkhitaryan feiert einen großen Erfolg als Micaëlla mit sanft glühendem Sopran. Davide Luciano ist ein profunder Escamillo.
Die durchschlagendste Kraft an diesem Abend ist das von Teodor Currentzis geleitete Utopia Orchestra. Die politische Dimension - das viel diskutierte Schweigen des Dirigenten zu Putins Krieg gegen die Ukraine - steht auf einem anderen Blatt. Was die künstlerische Arbeit angeht, ist es klar der Abend von Currentzis. Die angebotene Bandbreite an Farben und Dynamik, die offenkundig aufwendige Vorbereitungsarbeit, die verblüffende klangliche Geschlossenheit mit durchgehender Transparenz. Großartig. Bereits der Auftrittsapplaus zu Beginn und dann nach der Pause sprach Bände. Die Publikumsbegeisterung am Ende sowieso. 
Für die Regie gab es einige lautstarke Buhs. In Summe ist das Konzept ein stimmiges, wenn auch nicht zu 100 Prozent überzeugend. Es gibt Längen im dritten Akt, es ist zu oft und zu lange zu dunkel auf der Bühne. Aber es sind hier Bilder, filmartige Szenerien gelungen, die noch sehr, sehr lange im Kopf bleiben. 

(Marion Eigl)