Rezensionen
Der Idiot.
4. August 2024, 09:26 Uhr
Kritik "Der Idiot"
Salzburger Festspiele 2. August 2024
Gestern hatte die Oper „Der Idiot“ von Mieczyslaw Weinberg bei den Salzburger Festspielen Premiere. Unser Opernexperte Richard Schmitz berichtet ganz begeistert.
Der Komponist Wieczyslaw Weinberg ist einer der Großen des 20. Jahrhunderts, auch wenn er vielen, auch mir, bis zur Aufführung seines Erstlings „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen 2010 unbekannt war. Die Salzburger Festspiele haben gestern mit seiner letzten Oper „Der Idiot“ einen ungeheuren Triumph gefeiert. Es erfordert sehr viel Mut, ein derart vielschichtiges Werk wie den Roman von Dostojewski operngerecht aufzubereiten. Nach dem gestrigen Erfolg kann man feststellen, dass das fulminant gelungen ist. Die Charaktere, der mitleidvolle Fürst Myschkin, den man wohl nur als moderne Form des russischen Gottesnarren – wie wir ihn aus dem „Boris Godunow“ kennen – verstehen muss, der gewalttätige und leidenschaftlich liebende Kaufmann Rogoschin, die Kurtisanenfigur der Nastassja Filippowna, die pubertäre Generalstochter Aglaja und die Nebenfiguren werden durchaus im Sinne Dostojewskis gezeichnet. Komponist und Librettist haben da ganze Arbeit geleistet.
Weder der Idiot noch die anderen Personen der Handlung lassen sich eindeutig einordnen. Vieles bleibt ambivalent. Sehr erfreulich ist es, dass die Regie diese Vielschichtigkeit herausstreicht und die Geschichte ohne Firlefanz erzählt. Die ist erschütternd genug. Krzysztof Warlikowski lässt das Werk wirken, Bühnenbild und Kostüme von Malgorzata Szczesniak dienen ebenfalls den Intentionen von Dostojewski, Weinberg und Medwedew. Die gängigen Klischees des sogenannten modernen Regietheaters finden daher nicht statt. So können sich die Sängerinnen und Sänger voll in die Charaktere vertiefen, ohne sich emotional zu verbiegen. Die Figur des Fürsten Myschkin wird von Bogdan Volkov gelebt; nicht nur in den Szenen des Mitleids sondern auch in den epileptischen Situationen. Seine Stimme trägt den ganzen Abend. Ausrine Stundyte ist als Nastassja ebenso überzeugend, ob sie übermütig, beleidigt, zornig, herrisch oder liebevoll ist, alles kommt in ihrer Stimme und ihrem Spiel zum Ausdruck. Vladislav Sulimsky zeigt den Charakter des reichen Rogoschin, der ja auch nicht einfach ist. Iurii Samoilov singt den Speichellecker Lebedjew, Xenia Puskarz Thomas verkörpert die junge Aglaja, Pavol Breslik den geldgierigen Ganja. Auch zu allen anderen Protagonisten müsste man Elogen singen. Die Wiener Philharmoniker haben ihren Anteil am Erfolg. Die Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla hatte die komplexe Partitur fest im Griff.
Es war ein denkwürdiger Abend. So viel Zustimmung und Begeisterung für eine moderne Oper habe ich noch nie erlebt. Gestern waren eben Profis mit Demut vor der Leistung des Komponisten und des Librettisten am Werk. (RS)
Wertnote: 9,4/10 Punkten



