Rezensionen

Don Carlo an der Staatsoper.

8. Oktober 2024, 14:58 Uhr

(c) Frol Podlesnyi

Kritik Don Carlos / Wiener Staatsoper / 26.9.202

Gestern  kam an der Wiener Staatsoper die mit Spannung erwartete Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „Don Carlo“ heraus. Unser Opernexperte Richard Schmitz war für radio klassik sStephansdom dabei.

Kirill Serebrennikov beginnt die Erklärung seiner Regieintention im Programmheft mit folgenden Sätzen: „Verdi macht es der Regie nicht leicht. Seine Opern szenisch sinnvoll zu interpretieren, ist schwer und die Gefahr, dass man sich dabei in eine konzeptionelle Sackgasse manövriert, groß.“ Genau das ist ihm aber gestern passiert. Die Ko-Kostümbildnerin Galya Solodovnikova hat penibel die Bekleidung am spanischen Hof recherchiert. Vier Statisten stehen dekorativ in herrlicher Gewandung, mehr oder weniger störend und unbeteiligt in der Gegend herum. Die Herstellung dieser Kostüme hat angeblich über ein Jahr gedauert. Die Statisten werden immer wieder komplett angezogen und dann wieder komplett ausgezogen. Immerhin kann man lernen, dass am spanischen Hof keine Unterhosen getragen wurden. Da die Handlung in ein Institut für Kostüm-Forschung in der Gegenwart verlegt wurde, tragen die Protagonisten moderne Kleider und T-Shirts. Warum sie manchmal dann doch historisierende Gewänder tragen, bleibt ein Rätsel.

Das Herumgewusel um die Statisten stört den musikalischen Fluss und lenkt offenbar auch die Sänger ab. Erst am Ende fällt Serebrennikov nichts mehr ein, da darf Asmik Grigorian ungestört ihr Arie singen und erntet frenetischen Jubel. Vorher konnte sie wegen der Lozelachs der Regie keinen berührenden Charakter entwickeln. Eine große Künstlerin auf verlorenem Posten. Don Carlo, Joshua Guerrrero, hat eine große Stimme und setzt sie schonungslos ein. Differenzieren ist nicht seine Sache. Auch Roberto Tagliavini kann in dieser Inszenierung die eigentliche Hauptrolle dieser Oper, den Philipp, nicht entsprechend gestalten. Seine beiden relevanten Duette scheitern an der Verspieltheit der Szene. Posa Éttienne Dupuis muss die Forderung nach Freiheit im Wirbel des ständigen Umziehens vortragen. Wie er Philipp beeindrucken konnte, bleibt uninszeniert. Eine Personenregie konnte man auch sonst nicht bemerken.

Auch die Auseinandersetzung mit dem Großinquisitor Dmitry Ulyanov, der offensichtlich ein Requisiteur in diesem Institut ist und im Arbeitsmantel erscheint, hat nichts Bedrohliches und läuft daher ins Leere. Auch Eve-MaudHubeaux als Eboli hat es sin dieser Umgebung nicht leicht, kann sich aber über den Szenenapplaus nach ihrer Arie freuen. Ivo Stanchev hat nicht die gewaltige Stimme, die den Großinquisitor zum Schweigen bringt. So bleibt Carlos am Schluss nichts anderes übrig, als sich still und heimlich zu verdrücken.

Ich versteh das nicht. Ein Mensch wie Serebrennikov muss doch wissen, wie sich Tyrannen und ihre Schergen verhalten, welche Methoden der Einschüchterung und Unterdrückung sie anwenden. Verdrängt er seine eigenen Erlebnisse?

Giuseppe Verdis opus magnum enthält eine Fülle von politischem Sprengstoff, der uns umgibt. Verbrennung von Gegnern, befohlener Mord an Gefolgsleuten, Niederprügeln von Demonstranten, Machogehaben Frauen gegenüber, warum zeigt er das nicht? Man sehnt  sich sogar nach der Konwitschny-Inszenierung.

Das Publikum feierte mit Recht Philippe Jordan, Orchester und Chor und die Solisten. Mit dieser Besetzung hätte es ein großer Abend werden können. Das Publikum war anfangs durchaus applausfreudig, äußerte aber bald seinen Unmut. Nett war die Idee von Philippe Jordan schon während der Vorstellung mit einer weißen Kapitulationsfahne zu winken Am Ende war der Entrüstungssturm gewaltig. Das war mehr als das von den Regisseuren erhoffte Buh. Mehr als ein Vorhang war für Jordan und die Solisten nicht drin. 

Wertnote: 5,8 musikalisch 8,0/10 Punkten