Rezensionen

Eine Ikone auf der Waldbühne in Sopot

13. Juli 2025, 14:09 Uhr

Die Waldbühne von Sopot
(c) MuSa

Auch wenn es aktuell in vielen Teilen Europas hauptsächlich regnet, ist der Sommer die beste Zeit für Freiluft-Aufführungen. Intendant Tomasz Konieczny hat für seine dritte Ausgabe des Baltic Opera Festival für die imposante Waldbühne in Sopot neben Richard Strauss' „Salome" eine Ikone des 20. Jahrhunderts auf das Programm gesetzt: die Lukas-Passion von Krzystof Penderecki. Musikchefin Ursula Magnes berichtet aus dem Kurort an der baltischen Ostsee unweit von Danzig. 

Der Aufgang zur Waldoper ist geheimnisvoll. Wie der Weg durch den Wald zum Südbahnhotel am Semmering, ist die Natur des Ortes Aura umweht. „Bayreuth des Nordens“ wird die Waldoper seit 1909 in Sopot genannt. Die besten Sängerinnen und Sänger ihrer Zeit sangen im Sommer entweder hier oder in Bayreuth. Intendant Tomasz Konieczny macht es ebenso und probt aktuell in Bayreuth als Wotan im "Ring des Nibelungen". Für die dritte Ausgabe seines Baltic Opera Festival hat er „neue Bühnenrealitäten“ geschaffen wie er es vorab angekündigt hat. Der Mensch als einsamer Wanderer in einer von Krieg erfüllten, orientierungslosen Welt. Ist in Richard Strauss' „Salome“ Jochanaan die mahnende Stimme aus der Wüste, so stellt uns Krzystof Penderecki nackt mitten in die Passionsgeschichte des Evangelisten Lukas. 1966 bedeutete dieses monumentale Werk in der Kathedrale in Münster den internationalen Durchbruch des damals 32-jährigen polnischen Komponisten. Der Anlass war die 700-Jahr-Feier der Kathedrale in Münster. Ein ähnliches Raunen muss durch die Reihen gegangen sein als Johann Sebastian Bach den Leipzigern seine Johannes-Passion um die Ohren warf.

Penderecki packt die abendländische Musik bei ihren Wurzeln und schlägt mit seinen Clustern aus Klang und Geräuschen Pflöcke ein, an denen seither kein Beobachter des letzten Jahrhunderts vorbeikommt. Das zeigt auch 60 Jahre nach der Uraufführung Wirkung. Die Wunden des Zweiten Weltkrieges waren noch sehr frisch und die deutsch-polnische Nachbarschaft fragil. All das und dazu die Passion Christi in einem Werk wahrnehmbar zu machen ohne mit dem ästhetischen Holzhammer eine eindeutige Denkrichtung vorzugeben, das ist es, was das Werk zur Ikone macht. Meine Sitznachbarin zeigte mir einen anderen Zugang. Nicht unaufmerksam naschte sie die Totalität einer Schnittenpackung und war sichtlich ebenfalls berührt. Penderecki gewinnt auch auf dieser Linie: man muss über das Werk nichts wissen, um es in seiner Fülle zu erleben. Er behält sich be aller Dramatik und Tragik des Stoffes und seiner zeitlosen Umstände, eine gewisse Lockerheit.

Die Inszenierung von Barbara Wiśniewska ist frei assoziativ und bringt mittels der multimedialen Bilder von Bartek Macias die Tiefen des Waldes hinter der Bühne ins Spiel. Da das Stabat Mater in Pendereckis Passion eine grundlegende Rolle spielt, kann man das Auftreten von einem Buben mit seiner möglichen Mutter als Übersetzung sehen. Sie finden im Wald silbrig scheinende Rettungsdecken, die der Kinderchor auf der Bühne ausbreitet. Anstatt des Scheiterhaufens wird ein überdimensionales Gerüst in Flammen gesetzt: auch hier bleibt die Assoziation offen: es kann ein Koffer, es kann ein Buch, es kann ein Flügelaltar sein. Alle drei Zugänge stecken im Werk: der Holocaust, die Bibel, die Anbetung.

Mit der Besetzung hat Intendant Tomasz Konieczny ins Schwarze getroffen. Ich wüsste aktuell keine Sopranstimme, die diesen Part eindringlicher singen könnte als die wunderbare Olga Bezsmertna. Als kämen die Töne direkt und frisch aus der Partitur. Adrian Eröd, wie der Kinderchor rot gekleidet, zeigt einmal mehr, welch Werk dienender Sänger- und Charakterdarsteller er zu sein vermag. Und der Einspringer für Matthias Goerne, Artur Janda, macht Lust darauf, seine Stimme wieder zu hören. Den Erzähler und Evangelisten gibt der bekannte polnischen Schauspielers Krzystof Gosztyła. Er erinnert im Lateinischen an das stimmliche Charisma von Johannes Paul II.

Dirigent Bassem Akiki führt die Sinfonia Varsovia und die Riesenbesetzung der Chöre durch das Werk. Anwesend war auch die Witwe des Komponisten Frau Elzbieta Penderecka. Ein denkwürdiger Abend. (UM)

© Ursula Magnes