Rezensionen

Eine neue Carmen an der Volksoper.

22. September 2024, 14:13 Uhr

Katia Ledoux (Carmen), Chor
© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Inszenierung von Lotte de Beer hatte gestern Georges Bizets „Carmen“ an der Volksoper Premiere. Unser Opernfan Richard Schmitz berichtet.

Es war ein durchmischter Abend. Nach der üblichen Handydurchsage wird darauf hingewiesen, dass auf der Bühne nicht geraucht werden darf, deshalb gibt es keine Zigaretten. Femizide dürfen allerdings gezeigt werden. Während der Ouvertüre sieht man die Zigarettenarbeiterinnen Pakete für amazon fertigmachen. Dann beginnt der erste Akt sehr konventionell und man bereitet sich auf einen faden Abend vor. Doch bald drehen sich die bemalten Prospekte. Man sieht sie von hinten. Das Rätsel löst sich im dritten Akt, wenn die Bühne von drei vollbesetzten Logenrängen beherrscht wird: Theater am Theater!

Lotte de Beer wollte die schicksalhafte Verknüpfung dieser  Außenseiterin herausarbeiten, doch wenn Theaterrollen dargestellt werden, entfernen sich die Sängerinnen und Sänger von den unmittelbaren Charakteren der Figuren. Sie können das Publikum nicht mitnehmen. Dazu kommt, dass für die Carmen Kalia Ledoux aufgeboten wird. Ihrer schönen Stimme fehlen die hintergründigen, zynischen Mittel. Sie singt sehr ordentlich, kann aber die Faszination dieser freiheitsliebenden Frau nicht glaubhaft machen.

Besser kann Tomislav Mužek den jähzornigen, aggressiven José anlegen. Die Blumenarie wird allerdings zum Kraftakt. Besser kann da Julia Maria Dan reüssieren, ihre jugendliche Micaëla berührt. Alexander Fritze muss als Zuniga auch körperlich einiges über sich ergehen lassen. Josef Wagner kämpft sich tapfer durch eine der schwierigsten Baritonrolle, den Escamillo. Das Schmugglerquintett gelang ansprechend, Alexandra FloodSofia VinnikKarl-Michael Ebner und Marco di Sapia waren sicher und exakt.

Ben Glassberg versuchte die Partitur gemäß den Wünschen seiner Direktorin in die Nähe der Operette zu rücken. Das kann nur schiefgehen. Unverbindliche Leichtigkeit entspricht nicht dem dramatischen Genie Georges Bizets. Neben den Schlagern gibt es in diesem Werk Ensembles und Aktschlüsse, die das Werk zu einer der am meisten gespielten Oper gemacht haben. Allein am Donnerstag den 19. kamen zwei Premieren und 4 Wiederaufnahmen zwischen Amsterdam und Wladiwostok heraus!

Das Publikum reagierte mit sparsamen Szenenapplaus – nicht einmal das Finale des 3. Aktes wurde beklatscht – jubelte aber den Sängerinnen und Sängern ausgiebig zu. Lotte de Beer und das Regieteam wurde ausgebuht. Wieder einmal ein Regiekonzept, das sich besser im Programmheft liest, auf der Bühne aber nicht ankommt. Da hilft auch die nette Idee, dass der selbstherrliche Escamillo Carmen zur Haushälterin degradiert, nichts. (RS)

Wertnote: 6,8/10 Punkten