Rezensionen

Eine neue Oper: Alma.

27. Oktober 2024, 09:37 Uhr

Josef Wagner (Gustav Mahler), Annette Dasch (Alma Mahler-Gropius-Werfel), Kinderchor
© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kritik Alma / 26. 10. 2024 / VOP

Gestern gab es an der Wiener Volksoper eine Uraufführung. Die Oper „Alma“ von Ella Milch-Sheriff nach einem Libretto von Ido Ricklin ins Deutsche übersetzt von Anke Rauthmann.

Das Werk versucht die Persönlichkeit der Alma Schindler, die mit drei Männern, Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel verheiratet war, daneben, neben Oskar Kokoschka noch andere Affären hatte, mit Empathie verständlich zu machen. Das ist bis zu einem gewissen Grad auch gelungen, weil Alma vier ihrer fünf Kinder begraben musste. Mit einem solchen Mutter-Schicksal muss man Mitleid empfinden. Da rückt das Image der femme fatale in den Hintergrund. Dass sie auch ihre Ambitionen, selbst Opern zu komponieren, ebenfalls begraben musste, spielt da nur im emotionalen Hintergrund eine Rolle. Man kann da einiges verstehen und mitempfinden.

Die Vertonung eines durchdachten und sorgfältig recherchierten Librettto des israelischen Literaten Ido Ricklin. Vieles, was man kennt, wurde da neu beleuchtet. Die Oper beginnt mit dem Begräbnis der Tochter Manon im Jahr 1935 und endet mit dem Tod der kleinen Maria im Jahr 1907. In dieser Umkehrung der Ereignisse lernt man Werfel, Gropius, Kokoschka und Mahler und ihre Bedeutung für die Frau und Mutter Alma kennen. Für Ella Milch-Sheriff ist ihre Oper zutiefst Wienerisch. Sie beginnt schon mit einer Art Wienerlied, entwickelt aber dann ihre eigene Tonsprache. Sie vermeidet es, Mahler zu imitieren und schafft so ein eindringliches Tongemälde, das den Sängern sehr entgegenkommt.

Ruth Brauer-Kvam hat die Ereignisse deutlich in Szene gesetzt, manchmal etwas zu deutlich und derb. Das wird auch durch die Kostüme von Alfred Mayerhofer unterstützt. Die Verwandlung der meist nackten Alma von der alten zur 20-jährigen war schon drastisch. Der Dirigent Omer Meir Wellber hat die Komponistin beraten, was dazu geführt hat, dass die Sängerinnen und Sänger mit ihren Partien ohne Probleme zurecht kamen. Allen voran Annette Dasch in der Titelrolle. Sie gestaltet die neurotische Persönlichkeit stimmlich und darstellerisch fulminant. So muss Alma Schindler gewesen sein. Die einzige länger lebende Tochter Anna, gesungen von Annelie Sophie Müller, kommentiert das Verhalten ihrer Mutter, distanziert und kühl. Auch Joseph Wagner als Mahler, Florian Hurler als Gropius und Timothy Fallon als Werfel entsprechen auch stimmlich den Charakteren. Dass man den Exzentriker Kokoschka Martin Winkler anvertraut hat, ist wohl klar. Die schwierigen Rollen der Kinder waren mit Lauren Urquhart, dem Counter Christopher Ainslie, Hila Baggio und Victoria Schnut außergewöhnlich besetzt. Der Chor agierte aus dem Zuschauerraum und aus Logen und sang unter Omer Meir Wellber exzellent. Das Orchester der Wiener Volksoper hatte offensichtlich Freude an seinen Aufgaben.

Es war ein bewegender Abend, auch wenn mich 2016 „Baruchs Schweigen“ von Ella Milch-Sheriff im Semper-Depot fast mehr in den Bann gezogen hat.

Das Publikum war begeistert und feierte alle Beteiligten, auch die Komponistin ausgiebig und andauernd. Eine neue Oper, die man gesehen haben muss!

Wertnote: 8,9/10 Punkten