Predigten Josef Grünwidl

Gedanken von Erzbischof Josef Grünwidl zum Sonnengesang des Hl. Franziskus (2. Oktober 2026)

2. Oktober 2026, 22:15 Uhr

Erzdiözese Wien / S. Schönlaub

Begrüßung

Anlässlich des 800.
Todestages des Heiligen Franz von Assisi feiern wir ein Dreitagesfest in und um den Stephansdom.
Wir feiern natürlich nicht, dass der Heilige 800 Jahre tot ist, sondern wir feiern, dass Franziskus weit über die Kirchengrenzen hinaus bis heute Christen und Nichtchristengläubige und auch Menschen, die sich als ungläubig bezeichnen,
berührt und begeistert, dass sein Lebenszeugnis weiter wirkt und seine Botschaft wichtig bleibt.
Das Franziskanische Triduum beginnt heute mit einem hochkarätig besetzten Kulturabend in Wort und Musik zum Thema der Sonnengesang, Lebensmelodie des heiligen Franz von Assisi, zu dem ich Sie alle, geschätzte Damen und Herren, ich darf auch sagen, liebe Schwestern und Brüder, sehr herzlich begrüße.
Ich bin sehr dankbar und froh, dass es gelungen ist, für diesen besonderen Abend auch zwei besondere Künstler zu gewinnen.
Kammerschauspieler Cornelio Sopogna wird für uns den Sonnengesang zum Leben erwecken und die Texte rezitieren.
Professor Peter Planiawski, von 1969 bis 2004 hier als Domorganist tätig, einige Jahre auch als Dommusikdirektor, ist heute Abend nach einer viel zu langen Abwesenheit wieder als legendärer Meister der Orgelimprovisation hier im Stephansdom zu hören.
Beiden Künstlern herzlichen Dank und ein herzliches Willkommen.
Der Sonnengesang des heiligen Franziskus hat seit 800 Jahren nichts an Bedeutung verloren.
Ganz im Gegenteil.
Unser Zeitalter wird Anthropozän genannt.
Es bezeichnet eine Epoche, in der menschliche Aktivitäten die Erde mehr prägen und nachhaltiger verändern als natürliche Prozesse.
Alles scheint sich um uns, um die Krone der Schöpfung zu drehen.
Wem gehören Wasser und Meere?
Wem das Fleisch der Tiere?
Wem gehört der Berg und die Bodenschätze?
Wer hat hier die Lufthoheit?
Alles wird als etwas betrachtet, das zu unserer Verfügung ist.
Wir nehmen uns, was wir wollen.
Wir nehmen, was wir brauchen und konsumieren.
Wir merken aber zunehmend, diese Rechnung geht nicht auf.
Wir haben überzogen.
Wir leben auf Kosten nachkommender Generationen und wir leben auch auf Kosten anderer Geschöpfe.
Der Sonnengesang lädt uns ein, uns demütig als Teil der Schöpfung zu verstehen und nicht uns Menschen,
sondern Gott, den Schöpfer, ins Zentrum zu stellen.
Es geht bei Franz von Assisi um weit mehr als um Umweltschutz oder um Naturschwärmerei eines Aussteigers.
Es geht um die Ökologie des Menschen als Geschöpf Gottes.
Wir alle sind heute Abend eingeladen, uns mit offenen Ohren und mit einem offenen Herzen, mit Wort und Musik
in den Sonnengesang hinein zu meditieren.

 

Die Melodie Gottes aufnehmen - Zur Melodie Gottes werden

Die Melodie Gottes aufnehmen, zur Melodie Gottes werden, das hat Franz von Assisi in einzigartiger Weise gelebt.
Er soll sich selber als Spielmann Gottes bezeichnet haben.
Sein erster Biograph Thomas von Celano beschreibt bis ins Detail, wie Franziskus oft einen abgebrochenen Ast oder ein Stück Holz vom Boden aufhob,
über den linken Arm legte und mit einem zweiten, kleineren Stück Holz als Bogen wie mit einer Geige spielte.
Dazu sang und tanzte er.
Thomas von Celano merkt in einer für uns heute fremd klingenden Ausdrucksweise an, dass tat Franziskus immer dann, wenn er, Zitat,
in seinem Ohr den Hauch des göttlichen Flüsterns empfing.
Abgebrochene Äste liegen überall im Wald.
Sie waren einmal frisch und lebendig.
Nun sind sie abgestorben und tot.
Sie erinnern auch an vertrocknete Beziehungen, verbrauchte Lebensenergie, verstummte Kommunikation und an alles, was im Lauf der Zeit in uns aufgehört hat, lebendig zu sein.
Das Bild des Heiligen, der zwei stumme, tote Hölzer wie eine Geige führt und dabei zu singen und tanzen beginnt, provoziert.
Es weckt aber zugleich die Sehnsucht, wenn das gelingen könnte.
Mitten im Alltag eine Melodie entdecken, die beschwingt und uns in Bewegung bringt.
Abgestorbenes so anfassen, dass es wieder lebendig wird.
Mit Vertrocknetem und Dürrem so umgehen, dass neue Hoffnung wächst.
die ganze Schöpfung als große Symphonie erleben und die eigene Existenz nicht mühsam abstottern, sondern singen und tanzen.
Die Melodie Gottes aufnehmen, wie geht das?
Nun, ich denke, es beginnt damit, dass wir so wie Franziskus in allem, was geschieht, den Hauch des göttlichen Flüsterns empfangen.
dass wir bemerken und spüren, Gott, der Grundton der ganzen Schöpfung, der ist da, der trägt und klingt und schwingt in seinen Geschöpfen.
Er ist präsent als Hauch, als Flüstern, als Wasserzeichen der Schöpfung.
Der Spielmann Gottes mit der Geige aus zwei abgebrochenen Ästen zeigt uns mit seinem Sonnengesang, dass alle Menschen und Geschöpfe Töne in Gottes Melodie sind und zusammen klingen in der Schöpfungssymphonie.
Dass wir heute Abend in den Texten des Sonnengesangs und in den Orgelimprovisationen den Hauch des göttlichen Flüsterns spüren,
dass in uns etwas zum Klingen kommt und Resonanz entsteht, das wünsche ich uns allen.

 

Lob des Herrn

Der Anfang ist wie ein Gongschlag und handelt vom Grundton, auf dem der Sonnengesang aufbaut.
Es ist kein Gedicht, sondern ein betrachtendes Gebet, in dem zuallererst Gott, der Schöpfer, der Höchste, Allmächtige und Gute Herr gelobt und gepriesen wird.
Was der Grundton in der abendländischen Musik ist, will Gott für die ganze Schöpfung sein.
Alles baut auf dem Grundton auf, steht in Beziehung zu ihm und kehrt am Ende zu ihm zurück.
Der Grundton ordnet die hellen und dunklen Klänge der Schöpfung, das Dur und Moll des Werdens und Vergehens.
Er eröffnet die Schöpfungssymphonie und führt sie zum Finale.
Der heilige Bonaventura schreibt über Franziskus, auf den Spuren, die er in allen Dingen eingeprägt fand, ging er überall dem geliebten Gott nach und benützte alle Dinge als Leiter, auf der er emporsteigen und den umfassen konnte, der ganz liebenswert ist.
Als ob er im Zusammenspiel der Kräfte der Schöpfung gleichsam eine himmlische Melodie vernommen hätte, ermahnte er sie in Liebe zum Lob Gottes.
Im Schönen erkennt Franziskus den Schönsten, im Guten sieht er den Guten.
In der Größe der Schöpfung ahnt er den Großen, Allmächtigen, Ewigen.
Die Schöpfung wird ihm zur Leiter, die Gott und seine Geschöpfe verbindet.
Und wenn Franziskus am Beginn auch betet, kein Mensch ist würdig, dich Gott zu nennen und zu begreifen, so wird im Sonnengesang eines klar.
Gott, das große Geheimnis, ergreift uns, nennt uns beim Namen, spricht uns an.
Überall ist er zu finden.
Sein flüsternder Hauch ist allgegenwärtig.
Denn Gott wirkt nicht von außen in die Welt hinein.
Gott ist immer schon da, in allem, was lebt und geschieht.

 

Lob der Sonne

Franziskus war als Kind seiner Zeit davon überzeugt, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist.
Wenn er die Sonne als erstes Geschöpf Gottes lobt, dann hat das nichts mit unserem heliozentrischen Weltbild, aber sehr viel mit Theologie zu tun.
Schon in der frühen Mythologie galt die Sonne als unsterblich, weil sie jeden Tag neu aufgeht.
Mutter des Lebens wurde sie genannt.
Sonne ist Licht, Leben und Wärme.
Wir alle leben vom Licht und von der Sonne.
Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht.
Beim Aufgang der Sonne
kommen Frauen und Jünger am Ostermorgen zum leeren Grab.
Richtung Osten der aufgehenden Sonne entgegen ist diese Kirche und sind viele alte Kirchen gebaut.
Der Sonntag ist der Tag des Herrn.
Die Lichtsymbolik der Sonne prägt das Christentum.
In Dunkelheit und Leid
Im Winter 1224, krank, fast blind, geplagt von vielen Leiden, ist der Sonnengesang entstanden.
Franziskus besingt keine heile Welt, aber eine Welt, die immer und in jeder Situation von der Sonne Gottes, von seiner Liebe erhellt und in seinem Licht geborgen ist.
Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort.
Die Kraft der Sonne und ihre Strahlen werden für Franziskus zum Abbild Gottes.
Denn wie die Sonne jeden Tag neu aufgeht, immer leuchtet, auch wenn dunkle Wolken sie verdecken und wir sie nicht sehen können, so ist Gott immer da, als Licht, das keinen Abend kennt.
So leuchtet Christus, die Sonne der Gerechtigkeit.

 

Lob des Mondes

Auch die Gestirne redet Franziskus als Geschwister an, als Bruder Sonne und Schwester Mond.
Das zeigt, dass der Mensch eingewoben ist in ein geschwisterlich familiäres Verhältnis mit allen Geschöpfen des Universums, sogar mit den Sternen am Himmel.
Der Mensch steht der Schöpfung nicht gegenüber.
Er ist Teil davon und gehört als Schwester, als Bruder zur Familie.
Am Mond hat sich der Mensch schon früh orientiert.
Die Bibel kennt den Mondkalender.
Du hast den Mond gemacht als Maß für die Zeiten, heißt es im Psalm 104.
Zugleich wird der Mond als der kleinere Partner der Sonne gesehen, denn im Unterschied zur Sonne hat der Mond kein eigenes Licht.
Er reflektiert nur das Licht der Sonne.
Der Mond nimmt zu und nimmt ab.
Er steht für Veränderung und Vergänglichkeit und erinnert mit Vollmond und Neumond, dass Werden und Vergehen zum Leben gehören.
Schwestermond, das kleinere Licht, das über die Nacht herrscht, wird in der biblischen Weisheitsliteratur gepriesen.
Der Mond herrscht bis ans Ende und dient für immer als Zeichen.
Und das alte Kinderlied »Weißt du, wie viele Sternlein stehen?« erinnert daran, dass Gott allein die Zahl der Sterne kennt.
Und obwohl die Sterne uns sehr fern sind, suchen wir doch ihre Nähe.
Seit Alters her sieht der Mensch eine Beziehung zwischen seinen Wegen auf der Erde und den Bahnen der Sterne am Himmel.
Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, heißt es im Psalm 19.
Die ganze Schöpfung.
Das Universum bildet ein Lebensgeflecht, ist Gottes Familie.
Mond und Sterne gehören auch dazu.

 

Lob der Luft

Nach dem Blick in den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen wendet sich Franziskus den vier Elementen, den vier Urstoffen, aus denen die Erde gemacht ist, zu Luft, Wasser, Feuer, Erde.
Auch durch Bruder Wind und jegliches Wetter wird Gott gelobt, so sagt er.
Der Wind, der weht, wo er will, jegliches Wetter mit Sonne und Regen, mit Hitze und Kälte, alles dient ja dem Leben der Geschöpfe und lobt dadurch Gott.
Die Rede vom Schönwetter mit Sonne und wolkenlosen Himmel ist in Zeiten des Klimawandels in die Krise geraten.
Franziskus lobt Gott für jegliches Wetter, also auch für Regen und Kälte, für Blitz und Donner, nicht nur für strahlenden Sonnenschein.
Bruder Wind, das ist auch die Luft, die wir atmen, ohne die wir nicht leben können.
Es ist die Luft, die Schallwellen transportiert und es ermöglicht, Geräusche zu hören, vom leisen Säuseln bis zum pfingstlichen Sturmgebraus.
Ohne dein lebendig Wehen kann im Menschen nichts bestehen, heißt es in der Pfingstsequenz vom Geist Gottes.
In der Antike meinten die Menschen, Wind und Wetter seien der Atem der Erde.
Wir hören jetzt den Atem der Orgel.
Der Orgelwind bringt die Luft in den Pfeifen zum Schwingen und Klingen.
Und wenn schon nicht jegliches Wetter, so doch leises Säuseln, aber auch pfingstliches Brausen, Dröhnen und Donnern.
Das kann der Organist mit dem Atem der Riesenorgel in beeindruckender Weise zum Klingen bringen.

 

Lob des Wassers

Wasser, der Urstoff des Lebens als Quelle und Brunnen, als Regen, in Flüssen und Seen, im Schnee und im Eis, im Tautropfen am Morgen, wie auch in der Weite des Meeres.
Vielfältig ist auch die Symbolik des Wassers.
Wasser ist Leben, ein Zeichen für Reinheit.
Wasser kann auch Tod und Vernichtung bringen, denken wir an die Sintflut.
Ruhiges Wasser dient als Spiegel und zeigt die Spannung von Oberfläche und Tiefe auf.
Auch die religiöse Bedeutung des Wassers ist vielfältig, von Gott, der Quelle des Lebens, bis zur Taufe.
Das Lob von Schwester Wasser im Sonnengesang soll uns in Zeiten des Klimawandels nachdenklich machen.
Vergiften wir das Grundwasser, zerstören wir Flüsse und Meere, so zerstören wir uns und unsere Zukunft.
Wenn Wasservorräte durch extreme Trockenheit knapp werden,
wird es eng und existenzbedrohend für alle Geschöpfe, auch für den Menschen.
Zuletzt finde ich, Schwester Wasser stellt auch ganz persönliche Fragen an uns.
Mensch, aus welchen Quellen schöpfst du?
Wo bist du in deinem Element?
Was regeneriert und trägt dich?
Wo sehnst du dich nach Reinigung und mehr Lebendigkeit?

 

Lob des Feuers

Feuer wärmt und ermöglicht damit Leben unter widrigen klimatischen Verhältnissen, aber Feuer kann auch vernichten.
Die zerstörerischen Kräfte des Feuers sind oft nicht zu bändigen.
Denken wir nur an Bilder von verheerenden Waldbränden in diesem Sommer.
Die Möglichkeiten des Feuers bleiben für uns Menschen eine ständige Herausforderung.
Der Mensch darf eben, wie das Sprichwort richtig sagt, nicht mit dem Feuer spielen.
In der Ambivalenz von Erhaltung und Zerstörung des Lebens hat das Feuer göttlichen Charakter.
Ja, es ist ureigenster Besitz der Götter, so in der Sage von Prometheus, der den Göttern das Feuer geraubt und den Menschen gegeben hat.
In der Bibel offenbart Gott sich im Feuer, im brennenden Dornbusch, in der Feuersäule.
Gott ist verzehrendes Feuer, heißt es im Hebräerbrief.
Und Jesus sagt von sich selber, er sei gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.
Über allem Schrecken ist das Feuer aber vor allem ein Symbol der Liebe, die unser Herz entflammt und uns wärmt.
Auch das innere Feuer, das uns Energie gibt und antreibt, wenn wir für eine Idee oder für eine Aufgabe brennen, das innere Feuer, das uns leuchten lässt, darf nicht vergessen werden.
In dieser positiven Sicht besingt Franziskus das Feuer im Sonnengesang.
Es erhellt die Nacht, es ist schön, fröhlich und stark.

 

Lob der Erde

Mutter Erde.
Wir sprechen vom Schoß der Erde, aus dem das Leben hervorgeht.
Die Erde steht für Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit, für Geburt, Wachsen und Nahrung.
Die Erde, das ist unser Planet, unser Lebensraum, der Stoff, aus dem wir sind.
Der Mensch heißt in der Bibel Adam.
Adam heißt übersetzt Erdling, aus der Erde gemacht.
Adam ist nicht bloß ein Name, sondern eine Wesensbezeichnung.
Dem Erdling bläst Gott den göttlichen Lebensatem ein.
Damit ist nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel unser Element, unser Lebensraum.
Zwischen Himmel und Erde, in dieser Spannung lebt der Mensch.
Nicht nur der Mensch ist an die Erde gebunden, an den Humus, wir sind ja human, sondern die Erde ist auch an den Menschen gebunden.
Mensch und Erde, eine Schicksalsgemeinschaft.
Darum preist Franziskus die Erde im Sonnengesang als Schwester und als Mutter.
Es ist traurig, wenn Kinder ihre Mutter vergessen.
Die Erde will nicht erobert und ausgebeutet, sondern geliebt und geachtet werden.
Die Erde gehört nicht uns.
Wir gehören zur Erde.
Und alle Geschöpfe gehören Gott.

 

Lob der Leiden

Endlich, endlich, in der achten Strophe kommt endlich auch der Mensch vor im Schöpfungsgesang.
Allerdings nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt.
Der Mensch wird hier nicht in seiner Größe, sondern in den größten Herausforderungen des Lebens gesehen.
Es geht ja um Unfrieden, Krankheit und Not.
Gepriesen wird Gott durch jene Menschen, die ertragen, verzeihen, geduldig bleiben und auf diese Weise zum Frieden finden und Frieden stiften.
Diese Menschenstrophe und die folgende letzte hat Franziskus erst spät, kurz vor seinem Tod hinzugefügt.
Er besingt den Menschen nicht als Herrscher oder als Krone der Schöpfung, sondern als einen, der verzeiht und geduldig bleibt, der Leid erträgt und dem Frieden dient.
Sein Menschenbild nimmt an Jesus Christus, dem neuen Menschen, Maß.
Hand aufs Herz gibt es einen besseren Weg, mehr Menschlichkeit, mehr Frieden und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen.
als den Weg, den Christus uns gezeigt und vorgelebt hat?
Die Herrscher und die Mächtigen dieser Welt, die selbst ernannten Retter gestalten, sind sie die Kronen oder die Dornenkronen der Schöpfung?
Der rote Faden, der sich durch alle Strophen des Sonnengesangs zieht, wird in der Menschenstrophe besonders deutlich.
Es gibt kein Herrschen und Ausbeuten für Franziskus.
Hier die Geschöpfe, da der Mensch.
Und es gibt auch kein Gegenüber.
Hier die Schöpfung, da die Krone der Schöpfung.
Nur im geschwisterlichen Miteinander, nur versöhnungsbereit, geduldig und friedfertig können alle Geschöpfe gut existieren.
Die Menschenstrophe des Sonnengesangs erinnert uns daran,
Gottes gute Schöpfung braucht Menschen, die das Du, Wir, Unser über das Ich, Mich und Meins stellen.

 

Lob des Todes

Die letzte Strophe des Sonnengesangs bleibt rätselhaft.
Bis jetzt war alles klar.
Die Schönheit von Sonne, Mond und Sternen ist ein Sinnbild für Gottes Größe.
Schon ihr Anblick führt zum Staunen und zum Lobpreis Gottes.
Und bei den vier Elementen bewirkt ihr Dienst den Lobpreis Gottes.
Denn Wind und Wetter, Wasser, Feuer, Erde erhalten uns am Leben und machen dadurch Gottes Güte und Sorge sichtbar.
Die letzte Strophe, das Lob des Todes, will zu diesem kosmischen Lobpreis nicht zurechtpassen.
Wieso wird Gott durch den Tod gepriesen?
In dieser letzten Strophe wird besonders deutlich, dass die Spiritualität des Franz von Assisi sich nicht in der Liebe zur Natur oder der Achtung vor allen Lebewesen erschöpft, sondern christologisch geprägt ist.
Der gesamte Sonnengesang baut ja auf einer Erfahrung auf.
Gott zeigt sich, er teilt sich mit.
Aber er tut das eben nicht nur in der Schöpfung, sondern in einzigartiger Weise in Jesus Christus, dem neuen Menschen.
Auch im Aussätzigen, den Franziskus umarmt hat, im Kind in der Krippe, im Gekreuzigten, in der Eucharistie, überall dort ist Franziskus Gott begegnet und hat der Christus erkannt.
Die Verbindung zwischen Himmel und Erde, Gott und den Menschen, geschieht besonders dann, wenn der Mensch an Christus Maß nimmt und ihn nachahmt.
Im Verzeihen und Frieden stiften, im Ertragen von Unrecht, Krankheit, Leid und zuletzt in der Annahme des Todes, der dadurch zum Brudertod wird.
Sogar die Wunde des Todes,
Und auch alle anderen Wunden des Lebens sind im Blick auf Christus für Franziskus Berührungspunkte Gottes.
Im Sonnengesang preisen auch die Wunden Gott, weil er Wunden heilen und verklären kann.
Wir sehen heute Wunden und Tod und Krankheit als Probleme,
deren technische Lösung in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint.
Wir wollen vom Tod nichts mehr hören und haben dadurch auch verlernt, auf Gnade, Erlösung und Verklärung zu hoffen.
Franziskus war ein Mensch des Mittelalters.
Krankheit, Leid und Tod waren für ihn allgegenwärtig.
Die Hoffnung auf das ewige Leben und auch die Angst vor dem zweiten Tod, vor der ewigen Verdammnis, waren ihm nicht fremd.
Für ihn wurden die ganze Schöpfung und alles, was menschliches Leben ausmacht, selbst Krankheit und Tod, zu einem Weg,
auf dem der Mensch Gott finden und in die Christusgestalt, in die Gestalt des neuen Menschen hineinwachsen kann.