Rezensionen
Giulio Cesare an der Wien.
18. Dezember 2021, 12:25 Uhr
Es war die letzte Barockopern-Premiere am Theater an der Wien in der Intendanz von Roland Geyer, der sich in der Pause auch angeregt mit seinem Nachfolger Stefan Herheim unterhielt. Das Theater wird im März geschlossen und umgebaut. Hoffentlich auch die Sitzreihen; trotz eines unterhaltsamen Abends sind fast 4 Stunden doch eine Herausforderung für jegliche Sitzergonomie. Musikchefin Ursula Magnes berichtet.
Regisseur Keith Warner hat noch einmal in die Regietasten gedrückt und für Unterhaltung gesorgt. Er betont in Händels Giulio Cesare in Egitto den Funcharakter. Das heißt, es wird etwas geboten. Die Rahmenhandlung ist ein altes Themenkino, Stichwort Ägypten, mit Popcorn und Getränken und eine Reminiszenz an Elizabeth Taylor und Rex Harrison anno 1963. Kluger Schachzug – sofort suhlt man sich in Fernseh- oder Kinoerinnerungen; wohl eine Frage das Alters…
Das Videodesign von David Haneke spielt alle Stückerln; von verspielter Ausstattung bis assoziativer Psychologie. Die einzelnen Arien werden zu kleinen Episoden innerhalb der Handlung, in der Pompeo von Tolomeo Christophe Dumaux umgebracht wird und dessen Schwester Cleopatra als Mischung aus Despina, Adele und Mariandl ihren Cäsar Betun Mehta gefügig macht. Sie will regieren und Spaß haben. Und das kommt mir der TAW-Debütantin Louise Alder bestens zum Ausdruck. Sie spielt und singt famos; weniger barockverliebt als vielmehr größere Bögen suchend und diese auch singend.
Die drei hohen Männerstimmen Bejun Mehta, Jake Arditti Sesto und Christophe Dumaux sind als Typen trefflich besetzt. Raumfüllend sind die Stimmen nur begrenzt. Simon Bailey als polternder Achilla und Patricia Bardon als leidenden Witwe des Pompeo Cornelia werden ihren Rollen mehr als gerecht. Der Tänzer Joni Österlund gibt die stumme Rolle des Pompeo, besser gesagt, seines Geistes. Hier gelingen der Regie die packendsten Momente; wenn sich aus der Videoprojektion Choreografien herausschälen.
Ivor Bolton am Pult des Concentus Musicus bringt eine wunderbar fließende Wiedergabe zustande. Immer im Geist der Musik; füllig im Klang und die Sängerinnen und Sänger liebevoll begleitend. Er spielt am Cembalo auch die Rezitative. Concentus-Chef Stefan Gottfried führt die klangfarbige Continuo-Gruppe an. Welch Luxus!
Eine unbedingt sehenswerte Neuproduktion eines Händel-Klassikers, schon allein der vielen wunderbaren Arien wegen. Kleiner Tipp: vielleicht vorher kurz ausruhen oder gut frische Luft schnappen, um der barocken Vorliebe für das Ausladende Musik hungrig gewachsen zu sein. (um)



