Rezensionen

Gormenghast in Linz.

1. November 2025, 09:30 Uhr

(c) Petra Moser

Am Freitag, 31. Oktober 2025, fand die österreichische Erstaufführung von Irmin Schmidts Fantasy-OperGormenghast im Schauspielhaus Linz statt. Schmidt war Mitglied der legendären Krautrockband und Avantgardeformation CAN. Was sich auf der Bühne drei Stunden (inkl. einer Pause) abgespielt hatte, ist kaum mit Worten zu beschreiben. Was war das? Ein Panoptikum an Absurdität? Eine drogeninduzierte Form von Wahnsinn? Surreale Traumdeutung des Unbewussten? Dada oder Gaga?

Inspiriert ist Gormenghast von der gleichnamigen Romantrilogie des britischen Schriftstellers Mervyn Peak (1911-1968). Den Inhalt wiederzugeben ist praktisch unmöglich. Selbst wenn man die ausführliche Inhaltsangabe des Programmhefts gelesen hat. Aber irgendwie geht es um ein uraltes Schloss (mit Namen Gormenghast), ebenso alte wie seltsame Rituale und natürlich Intrige, Liebe, Macht und Verlangen – Gewalt, Tod und Mord all inclusive. Das Bühnenbild von Harald B. Thor ist genial – MC Escher hätte angesichts der Treppenkonstruktionen seine wahre Freude gehabt. Die Inszenierung von Andreas Baesler lässt nichts aus. Die Kostüme sind genial verrückt.

Die Musik von Irmin Schmidt fasziniert über die gesamte Dauer. Schwebende Elektronikflächen, stampfende Beats – alles, wie man früher so schön sagte: „vom Band“. Ebenso ein Orchester – die Brandenburger Symphoniker wurden 1998 für die Uraufführung in Wuppertal aufgenommen. Live wurde diese Konstellation um ein Streichquartett ergänzt, das im sonst überdeckten Orchestergraben saß (und teilweise auch mit elektronischen Effekten verfremdet wurde). Dirigent Benedikt Ofner hat mit ein bisschen elektronischem Equipment in der ersten Reihe Platz genommen und sitzend aus dem Publikum dirigiert. Irmin Schmidt – er hat u.a. bei Karlheinz Stockhausen studiert – kann definitiv komponieren: Mit Leichtigkeit kombiniert er Stile, parodiert, imitiert. Er bleibt aber stets originär. Die Musik klingt frisch und zeitlos. Das Musiktheater Linz hat sich einen großen Gefallen gemacht, dieses Stück anzusetzen. Dem Intendanten Hermann Schneider sei explizit dafür gedankt. Man kann bei Gormenghast mit den Ensemblemitgliedern aus den Bereichen Oper, Musical und Ballett punkten und brillieren. Man muss nur noch das Publikum finden und überzeugen. Die Premiere war nicht ausverkauft und einige im Publikum haben eher nach gealterten CAN-Fans denn regulären Opernbesucherinnen und Opernbesuchern ausgesehen. Die Anwesenden waren aber hörbar begeistert, der 88-jährige Irmin Schmidt war sichtlich gerührt. Möge sich dieser Erfolg herumsprechen!

Christoph Wellner