Rezensionen

Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán

19. Juli 2026, 09:20 Uhr

Auf die etwas sperrige Produktion des Boccaccio von Franz Suppé folgt beim Lehár Festival in Bad Ischl die ein wenig einfacher gestrickte und weitaus eingängigere Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán. Hier befinden wir uns im klassischen Operettenland, wenngleich im Programmheft diplomatisch steht, dass das Werk zu einer Zeit entstand, „in der das Genre bereits auf seine eigene Tradition zurückblickte“. 1924 nämlich. Es war die Zwischenkriegszeit, die von großen sozialen Spannungen geprägt war. Die Menschen lechzten daher nach der guten alten Zeit, in diesem Fall in der Donaumonarchie irgendwo in Ungarn. Kálmán lieferte sie und mit ihr einige Gassenhauer wie Komm mit nach Varaždin (das zwar nie in Ungarn lag, aber die Heimatstadt seiner Mutter war) oder Einmal möcht‘ ich wieder tanzen.

Die Geschichte ist schnell erzählt, und so viel man auch an ihr herumfeilen mag, findet sie keinen Tiefgang. Das macht aber nichts. Die reiche Gräfin Mariza verliebt sich in ihren Verwalter, der ein Graf inkognito ist und aus Liebe zu seiner Schwester das elterliche Erbe verkauft hat, um ihr ein Studium in der Schweiz zu finanzieren. Nicht im Original natürlich, da geht es um die Mitgift. Weil dem Grafen seine nunmehrige Armut peinlich ist, verheimlicht er seine Herkunft. Nach den in Operetten üblichen Maskeraden gibt’s ein Happy End.

Regisseurin Angela Schweiger versetzt das Stück in die Gegenwart, und das funktioniert eigentlich fast sehr gut. Aus den Zigeunern, die auf dem Gut arbeiten, macht sie Erntehelfer. Was nicht funktioniert, ist die Textänderung der Arie Komm, Zigán (Betonung auf der zweiten Silbe) in Komm, Bruder. Hier ist die Betonung auf der zweiten Silbe falsch.Überhaupt ist Sprache ein Thema. Vor allem Mariza Broyny Dwyer versteht man nicht, wenn sie singt. Das ist schade, denn sie hat einen vollen, warmen Sopran. Darstellerisch bleibt sie mitunter zu weich, ihr fehlt das Temperament. Witzigerweise ist ihr Partner Daniel Pataky Ungar. Ein wunderbarer Tenor, introvertiert und ruhig, von dem man sich allerdings wünschen würde, mehr als nur einen Gesichtsausdruck zu präsentieren. Ebenfalls unverständlich ist, warum Marizas Verehrer Populesco als Zuhälter daherkommt – das aber brillant dargestellt von Martin Achrainer. Sehr tragikkomisch-lustig ist Lukas Karzel als Kolomán, der als erfolgloser Influencer der heiter-quirligen Lisa alias Claudia Goebl verfällt. Am Schluss wird es too much. Die grandios outrierenden Petra Strasser als Tante und Georg Schubert als ihr Diener hauen leider den zuvor aufgebauten Spannungsbogen zwischen den Liebespaaren zusammen. Hier wäre von der Regie her weniger mehr gewesen.

Unterm Strich ist aber die Musik wunderbar, Kulissen und Kostüme ein Fest fürs Auge, und am Ende sind alle glücklich inklusive Publikum, das mit einigen Melodien im Kopf nachhause fahren kann. Empfehlung.

Text: Bernadette Spitzer