Rezensionen
Im weißen Rössl.
8. Dezember 2024, 13:25 Uhr
Unser Opernexperte Richard Schmitz war bei der Neuinszenierung von Ralph Benatzkys „Im weißen Rössl“ an der Wiener Volksoper.
Das „Weiße Rössl“ ist ein erfolgreiches Singspiel, das vor allem einem kitschigen Film seinen durchschlagenden Erfolg verdankt. Die Geschichte vom Oberkellner, der am Ende seine geliebte Wirtin erringt, entspricht dem typischen und bewährten Operetten-Happy-End. Die Wiener Volksoper vermeidet die allzu glatte Oberflächlichkeit und greift auf die sozialkritische Urfassung von 1930 zurück, reichert sie mit gegenwärtigen Problemen an. Overtourism wird gleich am Anfang angesprochen, wird aber bald wieder vergessen. Unser Problem mit dem großen Deutschen Nachbarn und seine Sprache wird ironisiert und sollte eigentlich dazu führen, dass wir übereinander lachen und damit die Spannung lösen, wie es die Piefke-Saga auch versucht hat. Komisch ist das, wenn Österreicher die Deutschen in Artikulation und Verhalten nachahmen und sich dadurch selbst entlarven.
Der Berliner Götz Schubert in der Rolle des Fabrikanten Gieseke ist halt ein Berliner, die komische Übertreibung bleibt da auf der Strecke. Die Berlinerin Annette Dasch war gehalten die resche Salzburger Wirtin österreichisch zu sprechen. Da wirkte sie gehemmt. Erst gegen Ende, wenn sie und Robert Palfrader aus ihren Rollen heraustreten, wird auch sie authentisch. Palfrader darf in dieser Inszenierung den Kaiser aus dem Fernsehen spielen. Eine gute Idee, nicht den alten Kaiser Franz Joseph zu bemühen. Sein Widmungsmelodram gelingt berührend. Der Wiener Jakob Semotan singt den Tollpatsch Leopold achtbar. Harald Schmidt spielte den knausrigen Professor Hinzelmann, dessen Tochter sich einen Lover angelt, mit dem sie endlich schwäbeln kann. Julia Edtmeier macht das temperamentvoll. Die anderen Protagonisten konnten ihre Rollen kaum mit Charakter füllen.
Die Inszenierung des künftigen Volkstheaterdirektors Jan Philipp Gloger ist ambitioniert aber wenig stringent. Weniger Klamauk und mehr Tiefgang hätten aber dem Abend genützt. „Im weißen Rössl“ ist eben ein Singspiel, da spielen die gesprochenen Texte die Hauptrolle. Die zahlreichen Hits von Benatzky, Stolz, Gilbert und Granichstaedten kennt ohnehin jeder. Das praktikable Bühnenbild und die Kostüme sind kaum erwähnenswert. Nur der Choreograph Florian Hurler hat ganze Arbeit geleistet. Das Orchester spielte unter Michael Brandstätter anfangs allzu grob, erst im zweiten Teil konnte es seine lyrischen Qualitäten ausspielen.
Das Publikum war zufrieden und feierte alle Protagonisten.
Wertnote auf der Schmitzskala: 6,3/10 Punkten



