Rezensionen
Les Pêcheurs de perles
15. Mai 2026, 08:20 Uhr
Les pecheurs de perles von Georges Bizet hatte gestern Premiere an der Wiener Staatsoper. Unser Opernexperte Richard Schmitz war dabei:
"Perlenfischer waren einst ein von den Weißen ausgebeuteter Berufsstand. Die Perlen, mit denen sich Herrscher und andere Wohlbetuchte schmückten, mussten unter Einsatz des Lebens aus dem Meer getaucht werden. Heute schuften in Billiglohnländern Menschen, damit in unseren Warenhäusern bunte Kleider angeboten werden können. Der Regisseur Ersan Mondtag will mit diesem Ansatz, den Konflikt in die Gegenwart übersetzen. Leider wird dadurch das Zölibatsproblem der weiblichen Hauptfigur unglaubwürdig und daher gar nicht angesprochen. Dass keusche Priesterinnen Hagel und Sturm beeinflussen können, glaubt heute niemand, schon gar nicht, wenn sich die Schar der Verkäuferinnen des Departmentstores, in dem der 2. und der 3. Akt spielen. gar nicht fürchten. Bizets musikalische Deutung von Sturm und Unwetter, auch die nachfolgende idyllische Abendstimmung wird auf der Bühne nicht einmal angedeutet. Bühnenbild und Kostüme lösen keine sinnvolle Emotion aus.
Das liegt sicher auch daran, dass weder das Libretto von Michel Carrré und Eugène Cormon noch die Musik von Bizet dramatische Stringenz aufweisen. Kristina Mkhitaryan bemüht sich der zölibatären Priesterin Leila Kontur zu geben, was ihr auch Szenenapplaus einbringt. Ludovic Tézier und Juan Diego Flórez singen ihren Duett-Schlager mit Hingabe. Der Applaus danach war herzlich aber nicht überschäumend. Am besten gelingt es Tezier beim doppelt enttäuschten Zurga, Zorn, Eifersucht und wankende Freundesliebe glaubhaft zu machen. Auch Nourabad Ivo Stanchev kann in diesem Kaufhausambiente nicht als Oberpriester reüssieren. Ich habe den Eindruck, dass keiner der Beteiligten an die Qualitäten von Bizets Oper glaubt, auch nicht der Dirigent Daniele Rustioni. Er dirigiert locker, aber wenig engagiert. Sie alle unterstützen meine Meinung, dass die Staatsoper zurecht dieses Werk noch nie gespielt hat. Es gibt viele Opern, die im derzeitigen Repertoire fehlen, Die Perlenfischer werden niemandem fehlen!" (Richard Schmitz)
Wertnote: 6,8



