Rezensionen

Maria Stuarda

2. August 2025, 08:20 Uhr

Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Maria Stuart und Elisabeth. Seit jeher geht von den beiden Herrscherinnen eine Faszination aus, Die literarische Auseinandersetzung fand bei Friedrich Schiller einen Höhepunkt. Der Dichter und danach auch der Komponist Gaetano Donizetti und sein Librettist Giuseppe Bardari lassen die beiden Frauen sogar aufeinandertreffen, was keineswegs den historischen Tatsachen entspricht. Bei den Salzburger Festspielen begeistern Lisette Oropesa und Kate Lindsey als rivalisierende Königinnen.

Mit stehenden Ovationen bedachte das Publikum im Großen Festspielhaus die Premiere von Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“. Der Vollständigkeit halber seien die vereinzelten Buhrufe zumindest erwähnt. Viel war im Vorfeld über diese Produktion berichtet worden. Kann das zusammenpassen: Donizettis Belcanto-Komposition und Regisseur Ulrich Rasche, bei dessen Inszenierungen stets unablässige Bewegung vorherrschend ist? Denken Sie etwa an „Iphigenie auf Tauris“ am Akademietheater. Ich finde, es geht gut zusammen! Trotz der beiden imposanten rotierenden Scheiben auf der Bühne, plus einer dritten schwebenden, liegt der Fokus nämlich auf der Musik. Die pausenlosen Schrittbewegungen fallen im Laufe des Abends immer weniger auf. Und - ganz wichtig - sie sind mit der Musik abgestimmt. Dass allerdings stellenweise die riesigen Scheiben geräuschvoll knacksen bei Positionsänderungen, wird das Technikteam hoffentlich noch beheben können. Regisseur und Bühnenbildner Rasche geht es um den inneren Konflikt der beiden Rivalinnen Elisabeth und Maria Stuart. Total reduziert, fern von jeglichem Kostümdrama. Mit einer derart fantastischen Besetzung lässt sich das großartig umsetzen. 
Kate Lindsey als Elisabeth, Königin von England, ist für mich die fesselndste und kompletteste Figur der Produktion. Die Ausdruckskraft der amerikanischen Mezzosopranistin und ihre glutvolle Stimme sind wie gemacht für das Regiekonzept. Als schottische Königin Maria Stuart feiert Lisette Oropesa einen Riesenerfolg. Ihr lyrischer Sopran klingt stets natürlich und geschmeidig. Bei ihren Koloraturen geht es nicht um zur Schau gestellte Gipfelsiege, sondern vielmehr um Melodieverläufe und Entwicklungen. Der aus Usbekistan stammende Tenor Bekhzod Davronov hinterlässt als von beiden Königinnen begehrter Graf Leicester einen bleibenden Eindruck. In den weiteren Rollen: Aleksei Kulagin als Talbot, Thomas Lehman als Cecil und Nino Gotoshia als Anna.
Der zweite Akt ist mit seinem wechselnden Lichtdesign und den weniger statisch angelegten Bewegungen kurzweiliger als der erste. Marta de Masi und Tänzer der Salzburg Experimental Academy of Dance bilden den Bewegungschor. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor hat Alan Woodbridge einstudiert. Dirigent Antonello Manacorda genießt seine Position am Pult der sehr gut bis gut disponierten Wiener Philharmoniker sichtlich. Der schönste Moment war für mich während des begeisterten Schlussapplauses, als Kate Lindsey Lisette Oropesa fest umarmt hat. Nach der erbitterten Bühnenrivalität - nie stehen Maria und Elisabeth zusammen auf einer Scheibe - waren dieser Ausdruck von Nähe und die Freude über den gemeinsamen Erfolg bis in die hintersten Reihen spürbar. 
Diese Salzburger Festspielproduktion prägt sich nachhaltig ein in Aug’ und Ohr.

(Marion Eigl)