Rezensionen

Millöckers Bettelstudent in Bad Ischl.

15. Juli 2024, 10:16 Uhr

Der Bettelstudent - Martin Achrainer
(c) www.fotohofer.at

Das Lehár Festival Bad Ischl hat gestern Abend (13. Juli 2024) sehr erfolgreich die zweite Premiere der Saison über die Bühne gebracht. Der Klassiker „Der Bettelstudent“ von Carl Millöcker hat das Publikum überzeugt. Bernadette Spitzer mit einer Rezension.

Es gibt Regisseurinnen, die Stücke in die Gegenwart verlegen und sie damit zerstören, und es gibt solche, die sie verständlicher machen. Zu jenen gehört Angela Schweiger, bekannt aus der Wiener Volksoper. Worum geht es?

Zwei Themen dominieren. Da ist zum einen die Politik. Die Operette, die ihre Uraufführung 1882 erlebt und zum Durchbruch von Carl Millöcker geführt hat, spielt 1704 in Krakau. Damals wurde Polen vom Sachsen August dem Starken regiert. In der Operette regt sich dagegen kräftiger Widerstand. Regisseurin Angela Schweiger bettet die Geschichte in einen Rahmen. Sie zeigt junge Menschen 1989, die für die Freiheit Polens vom Kommunismus kämpfen. Einer, Jan, wird verhaftet, weil er das Wort Freiheit an eine Mauer sprüht, der andere, Symon, sammelt westliche Musik. Jan gibt ihm eine Kassette vom Bettelstudent. Symon hört ihn sich am Walkman an, schläft ein und wird ins Stück versetzt. Dort trifft er wieder auf Jan, der kurz darauf verhaftet wird, weil er ein Protestplakat gegen August den Starken aufhängt. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. Das Bühnenbild besteht großteils aus Betonblöcken, die vermutlich an die Berliner Mauer erinnern sollen. Das ist phasenweise ein bissl trist.

Das zweite Thema ist eigentlich der Auslöser für das Stück: sexuelle Belästigung. Der Gouverneur von Krakau, Oberst Ollendorf, hat nämlich bei einer Veranstaltung der jungen Gräfin Laura ohne deren Einverständnis die Schulter geküsst. Die war derart empört, dass sie ihn mit ihrem Fächer geschlagen hat. Recht so, sagen wir heute. Der Oberst aber ist nicht einsichtig, sondern beleidigt. „Ich hab sie doch nur auf die Schuler geküsst“, singt er wehleidig und sinnt auf Rache. Martin Achrainer macht das derart überzeugend, dass man ihm wirklich gerne auf offener Bühne eine reinhauen würde. Großartig.

Die Komtesse Laura wird optisch von einer jüngeren Ausgabe von Cecilia Bartoli dargestellt. Sie sieht ihr frappant ähnlich und hat ihr Temperament. Zudem ist sie äußerst charmant und hat einen weichen Sopran, sodass sie nie plump wirkt. Ihr zur Seite steht Paul Schweinester als Symon, der glaubhaft um sein Leben und seine Liebe kämpft. Die beiden ernten nach ihrem Liebesduett, das einem Striptease gleicht, großen Applaus.

Auch das zweite Paar fügt sich harmonisch ein. Das Ischler Publikum kennt bereits die belgische Sopranistin Loes Cools, die liebenswürdig, wenngleich etwas schrill das Herz ihres politisch aktiven Grafen Jan erobert, dargestellt von Christoph Gerhardus, der mit schöner Stimme und jugendlichem Elan tapfer seine 80er-Jahre Fokuhila-Frisur erträgt. Was tut man nicht alles für den Freiheitskampf. Die einzige Fehlbesetzung ist Walter Sachers in der Nebenrolle des Gefängniswärters Enterich, weil er keinerlei Gesangsausbildung hat und nicht einmal Töne richtig trifft.

Orchester, Tanzensemble und Kostüme sind eine Wohltat für Aug' und Ohr. Großer Applaus am Ende, und weil das Stück gut ausgeht, können alle erleichtert nachhause gehen. (BS)