Predigten Josef Grünwidl
Predigt zu Allerheiligen (1. November 2025)
1. November 2025, 10:15 Uhr
Liebe Schwestern und Brüder hier im Hohen Dom, liebe Hörerinnen und Hörer von Radio Klassik Stephansdom, die Sie jetzt mit uns verbunden sind.
Und weil heute ein so wichtiger Tag auch ist für das Domkapitel, lieber Herr Dompropst, lieber Herr Domkustos, lieber Herr Dompfarrer,
Einige Vertreter des Domkapitels sind da.
Das Domkapitel ist für diesen Dom verantwortlich, für die Erhaltung des Doms, für die Liturgien, die hier im Dom gefeiert werden.
Ich danke dem Domkapitel für den Dienst, für diesen wichtigen Dienst in unserer Diözese.
Weit über die Grenzen der Stadt Wien hinaus ist ja der Stephansdom ein Wahrzeichen der Kirche in Österreich.
Wenn ich mich frage, was haben eigentlich Reformationstag aller Heiligen und aller Seelen miteinander zu tun, dann bin ich der Meinung, dass das nicht nur drei zufällig zusammengewürfelte Tage sind.
Für mich stehen gestern, heute und der morgige Tag in der Spannung von Weg und Ziel.
Unterwegs sein und ans Ziel kommen.
Der gestrige Reformationstag hat ganz eindeutig mit Unterwegssein zu tun.
Martin Luther hat den Vorabend zum Allerheiligenfest ganz bewusst als Start für seine Erneuerung, für seine Reform der Kirche gewählt.
Die übertriebene Heiligen- und Reliquienverehrung, der Ablasshandel rund um aller Seelen, der Aberglaube im Volk und natürlich auch der Lebensstil der Renaissance-Päpste – all das
Das waren viele Anlässe zur Kritik, zur berechtigten Kritik an der Kirche.
Ecclesia semper reformanda.
Die Kirche muss immer erneuert werden, muss sich immer wieder reinigen und neu auf den Weg machen.
Dieser Grundsatz der Reformation bleibt gültig, auch natürlich für unsere Kirche.
Und das hat damit zu tun, dass die Kirche eben noch nicht am Ziel ist,
sondern auf dem Weg ist.
Und das gilt nicht nur für die Kirche, sondern für uns alle.
Wir wurden zwar durch die Taufe schon in die heilige katholische Kirche aufgenommen, das heißt, wir wurden eingegliedert
in diese Prozession der Getauften, die mit göttlicher Hilfe unterwegs sind und eine dynamische Richtung hin auf Heiligung und Vollendung haben.
Aber wir sind noch nicht am Ziel.
Wir alle sind Christen, um Christen zu werden.
Wir sind auf dem Weg.
Und nicht nur der gestrige Reformationstag, sondern in gewisser Hinsicht auch der morgige Allerseelentag hat noch mit Unterwegssein zu tun.
Denn die Kirche sagt, dass ein Mensch im Augenblick seines Sterbens ja noch nicht gleich am Ziel angelangt ist, sondern dass es noch letzte Schritte in Richtung Heiligung, Läuterung und Vollendung braucht.
Der morgige Allerseelentag ist so gesehen eine Art ins Jenseits verlängerter Reformationstag, entstanden aus dem Bewusstsein, dass Menschen, die sterben, besonders wenn sie mitten aus dem Leben gerissen werden, unvollendet sind und noch so vieles offen bleibt.
Gott vollendet die Verstorbenen.
Er führt sie die letzten Schritte auf dem Weg hin zur Heiligkeit, zur Vollendung, zur Freude des Himmels im Licht von Ostern.
Und liebe Schwestern und Brüder, zwischen Reformationstag und Allerseelentag feiern wir heute das Hochfest aller Heiligen.
Der heutige Tag hat mit dem Ziel zu tun.
Heute leuchtet das Ziel unseres Weges auf.
Der festliche Treffpunkt im Himmel, das globale Gipfeltreffen all der unzähligen Menschen, die sich von Gott lieben und führen haben lassen und die versucht haben, die Liebe Gottes weiter zu schenken und leuchtende Spuren hier in der Welt zu hinterlassen.
Unzählbar groß ist die Schar der Heiligen.
Wir haben es in der ersten Lesung gehört.
Niemand kann sie zählen, nur Gott kennt ihre Zahl und ihre Namen.
Alle Heiligen feiern wir heute.
Die Menschengruppen, die Jesus in den Seligpreisungen aufzählt, die sprengen unsere Kirchengrenzen.
Denn Arme und Trauernde, Friedenstifter, Hilfsbereite und barmherzige Menschen, Menschen, die sich für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden, die gibt es ja nicht nur in der Kirche.
Jesus preist alle Menschen selig, die bewusst oder auch unbewusst in seiner Spur mitgehen und die Liebe leben.
Gott hat bei der Berufung zur Heiligkeit alle im Blick.
Er will, dass alle das Ziel ihres Lebensweges erreichen und gerettet werden.
Reformationstag aller Heiligen, aller Seelen.
Diese drei Tage erinnern uns, dass wir als Getaufte zielgeführt werden.
Und hoffentlich auch zielorientiert unseren Weg gehen.
Die Wegweiser, die Gott uns schenkt, die zeigen nicht in Richtung Angst und Untergang, sondern in Richtung Hoffnung und Vollendung.
Und daraus denke ich und dazu möchte ich einladen, aus dieser Zuversicht, aus dieser Perspektive hin auf das Ziel, da könnte sich doch für uns alle, liebe Schwestern und Brüder, eine ganz neue Lebenseinstellung, eine neue Lebenserwartung und eine neue Lebensqualität schon hier und jetzt ergeben.
So könnte zum Beispiel unsere Sorge sein,
dass wir selber zu kurz kommen, wenn wir uns für andere interessieren, kleiner werden.
Der Stress, uns selbst optimieren zu müssen, könnte abnehmen im Vertrauen, Gott wird mich vollenden.
Und die Botschaft der Seligpreisungen, dass es nicht sinnlos ist, sanftmütig, hilfsbereit, friedenstiftend zu sein, das könnte doch gerade in unserer Zeit, wo so viel von Krisen, Spannungen, Problemen und Ängsten die Rede ist, dazu führen, dass wir Getaufte ganz bewusst gegen den Strom schwimmen.
mutig das Gute tun, das Schöne, das Positive vermehren und ins Licht stellen, Hoffnung ausstrahlen und unbeirrbar hilfsbereit und solidarisch bleiben.
Und schließlich könnte diese neue Lebensperspektive auch dazu führen, dass sich ein weit verbreiteter Aberglaube auflöst.
Ich meine damit den Aberglauben, Heiligkeit,
Das sei doch etwas Exotisches für moralisch Superqualifizierte, aber doch nicht für uns.
Und dass sich die Erkenntnis einstellt, heilig werden hat nur wenig mit meiner moralischen Leistung,
aber sehr viel mit meiner Beziehung zu Gott zu tun.
Denn nicht zuerst meine Verdienste, sondern die Liebe Gottes, die er mir schenkt und die ich weitergeben darf, das macht mich heilig.
Zum Schluss möchte ich Ihnen etwas erzählen, was ich vor ein paar Monaten in einer kleinen Arbeitsgruppe erlebt habe.
Wir wurden aufgefordert, für kurze Videoclips, die dann im Internet zu sehen sind, ganz schlicht, knapp und einfach zu sagen, vor allem auch so, dass es junge Menschen verstehen können, was bedeutet für dich der Glaube an Gott?
Ich weiß nicht mehr, was ich damals gesagt habe, aber ich kann mich gut erinnern, was ein Freund von mir damals in die Kamera gesagt hat.
Folgendes.
Im Wartezimmer meines Zahnarztes hängt ein großes Plakat mit der Aufschrift »Alles wird gut«.
Bei meinem Zahnarzt bin ich mir da nicht so sicher.
Bei Gott schon.
»Alles wird gut«.
Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern aller Heiligen.
Auf Gott vertrauen, bewusst und wach leben, mutig und unbeirrbar hoffen, Gutes tun und Liebe weiterschenken, das ist der Weg zur Heiligkeit.
Auf diesem Weg führt Gott uns ans Ziel, heim in die Gemeinschaft aller Heiligen.
Ungefähr 90 heiligen Figuren stehen hier in acht Meter Höhe über unseren Köpfen an den Pfeilern des Doms.
Und unzählige Heilige des Alltags sind uns diesen Weg zum Ziel vorausgegangen.
Alle Heiligen laden uns heute ein, ihrem Beispiel zu folgen und dem Versprechen Gottes zu trauen.
Alles wird gut.
Credo, daran glaube ich.



