Predigten Josef Grünwidl

Predigt zu Christi Himmelfahrt

14. Mai 2026, 10:15 Uhr

Erzdiözese Wien / S. Schönlaub

Liebe Schwestern und Brüder hier im Dom und über radio klassik Stephansdom mit uns verbunden, liebe Mitglieder des Kuratoriums Pro Oriente, darunter auch Probst Maximilian Führensinn und Erzabte Emeritus Korbinian Biernbacher, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst.
Ein Fisch kann im Wasser nicht ertrinken, weil das Wasser sein Element ist.
Und Vögel können fliegen, weil der Himmel, weil die Luft ihr Lebensraum ist.
Wie ist das bei uns Menschen?
Wann ist der Mensch in seinem Element?
Ganz spontan würde ich antworten, wenn ich hier auf der Erde stehe und festen Boden unter den Füßen habe.
Die Erde ist unser Element.
Christi Himmelfahrt ergänzt diese doch sehr kurzsichtige Antwort und weist uns hin auf die Perspektive des Himmels, auf die Dimension der Ewigkeit.
Damit tut das heutige Fest auch eine Spannung auf, in der wir leben und stehen.
Und darüber möchte ich jetzt mit Ihnen ein wenig nachdenken.
Ich beginne mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche.
Ich beschwöre euch, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden, denn sie sind Verächter des Lebens.
Das hat Nietzsche über die Christen seiner Zeit gesagt.
Ich beschwöre euch, bleibt der Erde treu.
Das heißt doch auch, interessiert euch für die Menschen, für die Schöpfung.
Verachtet die Freuden des Lebens nicht.
Geht an der Not und am Leid der Menschen nicht vorbei.
Nietzsche hat eine Frömmigkeit kritisiert, die nur nach Weihrauch riecht, und mit verdrehten Augen zum Himmel schaut, die ständig vom ewigen Seelenheil und den himmlischen Freuden redet, aber das konkrete Leben hier und jetzt, die Welt, wie sie nun einmal ist, überhaupt nicht mehr im Blick hat.
Die erste Lesung aus der Apostelgeschichte, die wir gehört haben, hat mich an dieses Zitat von Nietzsche erinnert.
Denn da kommen zwei Engel und sagen zu den Jüngern bei der Himmelfahrt, ihr Männer von Galiläa, warum steht ihr da und schaut zum Himmel?
Und damit erinnern die Engel die Jünger auch daran, was Jesus ihnen gesagt hat, der Auferstandene, bevor er in den Himmel aufgenommen wurde.
Geht, geht zu den Menschen, geht zu allen Völkern, geht und tut etwas.
Heilt die Kranken, verkündet das Evangelium, tauft die Menschen, bringt ihnen Hoffnung.
Dastehen und zum Himmel emporschauen ist zu wenig.
Das Fest Christi Himmelfahrt lenkt also unseren Blick zum Himmel, zum Ziel unserer Lebensreise weiter, und zugleich auch hier auf die Erde, in der wir leben, im Hier und Heute, mit den Menschen, die uns anvertraut sind, mit denen wir zu tun haben, mit der Sorge um die Schöpfung, so wie es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hat, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art,
sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.
Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.
Christ sein, liebe Schwestern und Brüder, heißt also in dieser Spannung leben.
Ja, wir sind Kinder dieser Erde und wir sind unterwegs zum Himmel.
Wir haben Gott und die Menschen im Blick.
Wir feiern Gottesdienst und üben unseren Glauben aus im Menschendienst.
Das Irdische und das Himmlische sollen wir im Blick haben.
Christsein heißt, das Irdische nicht verteufeln und den Himmel erden.
Ein zweiter Gedanke.
Heute feiern mit uns Kuratoriumsmitglieder der Stiftung Pro Oriente.
Im November 1964, also noch in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, hat Kardinal Franz König diese Stiftung gegründet, um Kontakt aufzunehmen mit unseren östlichen Nachbarkirchen in der Orthodoxie.
Wir müssen bedenken, das war damals noch in der Zeit des Eisernen Vorhangs.
Es sollten Kontakte geknüpft werden von Ost- und Westkirche.
In den vergangenen Jahren gab es eine Fülle von Begegnungen, Gesprächen, Symposien, aber vor allem auch wurden menschliche Kontakte und Freundschaften geknüpft durch Pro Oriente im Dienst der Ökumene, im Dienst der Einheit der Kirche.
Ein Grundsatz von Pro Oriente lautet: Wir schaffen Wege, indem wir sie gemeinsam gehen.
Geht, hat der Auferstandene vor seiner Himmelfahrt den Jüngern gesagt.
Geht, ich sende euch.
Wir alle wissen, wie wichtig Bewegung ist.
Wer gesund bleiben will, muss Bewegung machen.
Und wenn die Kirche gesund bleiben will, muss sie auch immer auf dem Weg sein, neue Wege suchen, neue Wege gehen, so wie Pro Oriente das jetzt seit mehr als 60 Jahren versucht hat und immer noch versucht, in den letzten Jahren verstärkt auch in der Jugendarbeit.
Indem wir versuchen, junge Menschen aus verschiedenen christlichen Kirchen, aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenzubringen, dass man lernt, im Gespräch zu sein, voneinander etwas Gutes zu lernen und anzunehmen und gemeinsam auf dem Weg zu sein.
Geht, ich sende euch.
Dieser Auftrag des Auferstandenen erinnert uns daran.
Österlich leben wir dann, wenn wir unseren Lebensweg gehen im Licht des Evangeliums, das Evangelium als Wegweiser.
Wenn wir immer wieder aufeinander zugehen, wenn wir gemeinsam und nicht nur allein und einsam unterwegs sind.
Wenn wir in uns gehen, still werden und auf unser Gewissen hören.
Österlich leben wir dann, wenn wir auch mitgehen mit den Armen und Hilfsbedürftigen und sie nicht allein lassen.
Wenn wir uns auf unserem Glaubensweg gegenseitig stützen und ermutigen.
Und österlich leben wir, wenn wir wissen, unser Weg hat ein Ziel.
Wir gehen dem Himmel entgegen.
Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir Christi Himmelfahrt ernst nehmen, dann wird der heutige Feiertag zu einem Bild für unser Leben und für unsere Wege.
Wir leben als Christen immer in der Spannung von Weg und Ziel, von Erde und Himmel.
Wir verteufeln nicht das Irdische, sondern wir versuchen, den Himmel zu erden.
Und wir vertrauen darauf, dass Gott unser Ziel ist.
Ich schließe, indem ich den Grundsatz von Pro Oriente heute Jesus in den Mund lege.
Denn ich bin überzeugt, dass der Auferstandene heute zu uns allen sagt, wir schaffen Wege, indem wir sie gemeinsam gehen.
Denn ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
Credo, daran glauben wir.