Predigten Josef Grünwidl
Predigt zum Denkgottesdienst 80 Jahre Katholische Frauenbewegung, Wien (26. September 2025)
26. September 2025, 12:00 Uhr
Die katholische Frauenbewegung der Erzdiözese Wien setzt heute bei diesem Festgottesdienst ein kräftiges, unübersehbares Lebenszeichen.
So voll mit Frauen, die mitfeiern,
war der Dom vermutlich selten.
Ich begrüße Sie, euch alle von Herzen, liebe Schwestern in Christus.
Ich begrüße natürlich auch die Brüder in Christus, die da sind, im priesterlichen Diakonalendienst, den Präsidenten der katholischen Aktion, der auch mit uns feiert und alle, die sich hier versammelt haben oder jetzt auch über das Radio mit uns verbunden sind.
Mit Dank und Hoffnung als Pilgerinnen unterwegs.
Wir schauen bei diesem Jubiläum 80 Jahre dankbar zurück und wir schauen nach vorne.
Und um das Zurück und das Nach-Vorne-Schauen geht es auch in der Lesung des heutigen Tages, die vielleicht für einige Ohren etwas befremdlich geklungen hat.
Wer von euch hat den früheren Tempel in all seiner Pracht gesehen?
Und wie seht ihr ihn jetzt?
Erscheint er euch nicht wie ein Nichts?
fragt der Prophet Haggai, verzweifelt, denn er merkt, dass der Wiederaufbau des zerstörten Tempels in Jerusalem nur schleppend vorangeht.
Die Menschen erinnern sich an früher, an die Pracht des großen Tempels und sagen, was wir da jetzt aufbauen, das ist doch nichts.
Hören wir auf, es hat keinen Sinn.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, ist das nicht unserer Situation in der Kirche heute sehr ähnlich?
Die Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils ist vielerorts verflogen.
Ja, der alte österreichische Kirchentempel war groß und prächtig mit Privilegien, mit Einfluss und Wertschätzung in der Öffentlichkeit.
Aber jetzt?
Wie steht die Kirche da und wie wird sie in Zukunft dastehen?
Sagen oder denken wir vielleicht auch so wie die Menschen zur Zeit des Propheten Haggai, dass alles erscheint uns wie ein Nichts?
Das heutige Fest will Mut machen und gegen die Resignation, die sich mancherorts auch in der Kirche breitmacht, ankämpfen.
Auch wenn ich weiß, auch wenn wir alle wissen, es gibt große Herausforderungen, Fragen und Probleme in unserer Kirche, auch wenn wir wissen, dass sogar die KfB ja doch eine sehr, sehr lebendige Gliederung der katholischen Aktion schon Schwierigkeiten hat, an verschiedenen Orten neue Mitglieder zu gewinnen, junge Frauen zu begeistern für die Mitarbeit in einer Frauengruppe,
So ist es.
Ich schließe mich den Worten des Propheten Haggai an, der gesagt hat, fürchtet euch nicht, habt Mut, Gott bleibt bei euch und ihr werdet sehen, der Tempel, den wir jetzt wieder aufbauen, der wird größer und schöner als der alte Tempel sein.
Mit Dank und Hoffnung gehen wir als Pilgerinnen, als Pilger unseren Weg.
Und drei Gründe für unsere Hoffnung, drei konkrete Namen möchte ich in meiner Predigt heute nennen und in Erinnerung rufen.
Im Jahr 1945, kurz nach Kriegsende, wurde in unserer Erzdiözese Wien die katholische Frauenbewegung gegründet, neu gegründet als Gliederung der katholischen Aktion.
Im Jahr 1945, kurz vor Kriegsende, stand dieser Dom in Brand.
Und nachdem das Dach abgebrannt ist, haben die brennenden Holzbalken des Dachstuhls auch das Gewölbe durchgeschlagen und das Feuer hat hier im Innenraum um sich gegriffen und verheerende Zerstörungen angerichtet.
Der Wiederaufbau des Stephansdoms hat mit Frauenpower zu tun.
Helene Buchwieser, eine Wiener Architektin, übernahm in den ersten Monaten des Wiederaufbaus die verantwortungsvolle Leitung dieser Großbaustelle.
Und so wie 1945 die Architektin Helene Buchwieser, sind es bis heute vor allem Frauen, die Kirche bauen.
Ich meine jetzt die Kirche aus lebendigen Bausteinen, die sich in der Gemeinschaft der Kirche engagieren.
Was wären unsere Pfarren ohne euch, ohne sie alle, liebe Schwestern?
Das Leben der Kirche wird mehrheitlich von Frauen getragen und geprägt und dafür für ihr, für euer vielfältiges Engagement ein großes Danke.
Dass Frauen jedoch gar nicht oder oft nur als Minderheit auch in kirchlichen Entscheidungsgremien und Leitungsfunktionen vorkommen,
Das wurde bei der Weltsynode immer wieder thematisiert und kritisch angemerkt.
Und ich denke, hier gibt es einen dringenden Handlungsbedarf.
Die Frauenfrage drängt nach einer Klärung und nach Veränderungen.
Ein zweiter Name aus der Geschichte der KfB.
Hertha Pammer.
Die Wienerin wurde 1957 zur Vorsitzenden der katholischen Frauenbewegung Österreichs gewählt und unter ihrer Führung trat die KfB im Jahr 1971 zum Weltgebetstag der Frauen bei.
Der Weltgebetstag der Frauen ist in etwa 180 Ländern verbreitet ist.
Auf das entwicklungspolitische Engagement von Hertha-Pammer geht auch der Familienfasttag zurück.
Unter dem Motto Teilen spendet Zukunft ist diese Aktion bis heute ein Vorzeigeprojekt der KfB, das aus dem Leben vieler, vieler Pfarrgemeinden auch nicht mehr wegzudenken ist.
Mit Hertha Pammer war es wieder eine Frau, die auf zwei wichtige Bausteine der Kirche hingewiesen hat.
Auf die Ökumene und das Miteinander und auf den Einsatz für weltweite Solidarität und Gerechtigkeit.
Das Projekt Familienfastag hat dazu beigetragen, dass die KfB immer mehr zu einer solidarischen und weltweit vernetzten Organisation geworden ist.
Aus den heutigen zentralen gesellschaftlichen Themen der KfB möchte ich noch herausgreifen die Bereiche Ökologie, Bildungsarbeit und Geschlechtergerechtigkeit.
Wie viel wurde durch den Einsatz und durch Projekte der KfB bewirkt, bewegt, verändert und an Hilfe ermöglicht?
Dafür auch ein herzliches Danke.
Helene Buchwieser, Hertha Pammer und noch ein dritter Name, der uns auf dem Weg als Pilgerinnen, als Pilger der Hoffnung begleitet.
Jesus Christus.
Auf die Frage Jesu, für wen haltet ihr mich, hat Petrus als Sprecher der Gruppe gesagt, für den Christus, für den Messias Gottes.
Liebe Schwestern,
Der Name Jesus Christus macht Mut.
Denn der Blick auf Jesus und die Evangelien, dieser Blick zeigt klar, Jesus ist den Frauen auf revolutionäre Weise begegnet.
Und er hat mit seinem Verhalten die patriarchalen Normen seiner Zeit infrage gestellt.
Er berührt und heilt Frauen.
Er lässt sich von Frauen berühren, die nach jüdischem Gesetz als unrein galten.
Er spricht mit Frauen in der Öffentlichkeit.
Er bezieht sie ein in seinen Schülerkreis.
Das alles sind Verhaltensweisen, die für die damalige Zeit mehr als auffällig und ungewöhnlich waren.
Und vor allem nicht zu vergessen,
Frauen waren am Ostermorgen die ersten Zeuginnen der Auferstehung.
Und Frauen spielten in den frühen christlichen Gemeinden eine zentrale Rolle.
Spätere kirchliche Entwicklungen und Strukturen haben Frauen zunehmend an den Rand gestellt.
Eine Neuorientierung an der Praxis Jesu kann uns in der Frauenfrage weiterhelfen.
Darum möchte ich zu der Jesusfrage aus dem heutigen Evangelium, für wen haltet ihr mich, noch einige andere Fragen dazu stellen, wo ich mir gut vorstellen kann, Jesus würde uns das heute als Kirche auch fragen.
Kirche, siehst du die Frauen?
Wie gehst du mit ihnen um?
Haben sie den Platz, der ihnen zusteht?
Ich schließe mit einem Text von Andreas Knapp.
Er stellt auch Fragen, die sich auch zu dem Verhalten Jesu ergeben.
Fragen, denen wir nicht ausweichen sollten.
Drei dieser Frauenfragen, wie er es nennt, möchte ich nennen.
Wenn eine Frau das ewige Wort Gottes geboren hat,
Warum sollten Frauen dann das Wort nicht von der Kanzel künden?
Wenn eine Frau die Füße Jesu küßte, warum sollten dann Frauen den Altar nicht küssen dürfen?
Wenn eine Frau den Jüngern als Apostelin vorausging, warum sollten Frauen dann nicht auch zur Apostelnachfolge gerufen sein?



