Predigten Josef Grünwidl

Predigt zum Ostersonntag (20. April 2025)

20. April 2025, 10:15 Uhr

Erzdiözese Wien / Stephan Schönlaub

Beginnend mit der Osternacht hören wir in der österlichen Festzeit die verschiedenen biblischen Ostererzählungen. Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten sie ein Ereignis, das unsere Vorstellungskraft übersteigt und unsere Weltsicht sprengt: Der Gekreuzigte lebt! Gott hat ihn von den Toten auferweckt! Die Osterevangelien sind nicht deckungsgleich, stimmen nicht in allem immer überein und zeigen somit eines deutlich: Der Auferstandene ist schlicht und ergreifend nicht zu fassen - auch nicht in Worte.

Zwei berühmte Ostererzählungen aus dem Johannesevangelium hat uns der Diakon soeben verkündet. Mit Maria von Magdala, der ersten Zeugin der Auferstehung, und den beiden Aposteln, die zum Grab Jesu laufen, zeichnet das Johannesevangelium das Bild einer österlichen Kirche mit folgenden Bausteinen:

1. Es beginnt mit der Zeitangabe: „Am ersten Tag der Woche“ – ein Hinweis auf den Sonntag. Wir Christen feiern nicht das Wochenende, sondern den Sonntag als ersten Tag der Woche. Die Auferstehung Jesu am ersten Tag der Woche ist der „Ur-Ostersonntag“ und alle anderen Sonntage sind wöchentlich wiederkehrende kleine Osterfeste. Was bräuchten wir in unserer Zeit notwendiger als eine wöchentliche Auffrischung der Osterhoffnung, als eine regelmäßige österliche Immunisierung gegen Gleichgültigkeit und Resignation?

Die sonntäglichen Begegnungen mit dem Auferstandenen in seinem Wort, in der Eucharistie und in der Gemeinschaft der Kirche sind notwendig, damit der Osterglaube in uns lebendig bleibt. Halten wir den Sonntag, und der Sonntag wird uns halten! Der Sonntag als wöchentliches Osterfest - ein erster wichtiger Baustein für eine österliche Kirche.

Ein zweiter Gedanke: Was wäre Ostern ohne das Zeugnis der Frauen! Am Ostermorgen hat Maria von Magdala die Apostel informiert und mobilisiert. Das war gar nicht so einfach, denn die Apostel hielten das zunächst für Geschwätz, sie wollten oder konnten der Botschaft der Frauen, dass der Gekreuzigte lebt einfach nicht glauben.

Die Tatsache, dass am Ostermorgen, an einer so entscheidenden, für das Leben der Kirche geradezu existentiellen Schnittstelle nicht Männer, sondern Frauen standen, gibt mir zu denken. Auch schon unter dem Kreuz waren außer Johannes keine Apostel zu finden - aber die Frauen! Sonst oft als „Randfiguren der Jesusbewegung“ abgetan, in den entscheidenden Stunden rücken Frauen ins Zentrum. Auch am Ostermorgen: Die Apostel haben sich zurückgezogen, waren aus Angst und Enttäuschung wie gelähmt. Die Frauen gehen in aller Frühe zum Grab des Herrn.

Maria von Magdala, die erste Zeugin der Auferstehung, informiert und mobilisiert die verschreckten Apostel. Ich denke: auch die Nachfolger der Apostel und alle kirchlichen Gremien sind gut beraten, wenn sie sich von Frauen informieren und mobilisieren lassen und ihr Zeugnis ernst nehmen.

Könnte es sein, dass gerade Frauen, eingesetzt in Verkündigung und Ämter, einbezogen in kirchliche Entscheidungsgremien und Leitungsebenen neue österliche Impulse für das Leben der Kirche mitbringen? 

Den 3. Baustein für eine österliche Kirche finde ich im berühmten Wettlauf der beiden Jünger zum Grab. Die kirchliche Tradition sieht hier Petrus als Vertreter von Amt und Hierarchie, und den Lieblingsjünger Johannes als Vertreter der Liebe. Der Lieblingsjünger kommt als Erster zum Grab. Keine Frage: Kirchliche Ämter und Strukturen sind wichtig, doch erst durch die gelebte Liebe wird die Osterbotschaft der Kirche lebendig und glaubwürdig.

Das zeigt der Auferstandene ganz deutlich. Bei der Begegnung im Garten hält er Maria von Magdala keinen Vortrag über Tod und Auferstehung und es geht nicht um hohe Ostertheologie. Nein, einfühlsam schaut der Auferstandene auf die weinende Frau, er tröstet sie und nennt sie beim Namen.

Das Zeugnis der Frauen und der Primat der Liebe – zwei wichtige Bausteine für eine österlich glaubwürdige Kirche.

Und noch ein Hinweis, der mit der Paukenmesse von Joseph Haydn zusammenhängt. Haydn selbst wählte für diese Komposition den lateinischen Namen „Missa in tempore belli“ - Messe in Zeiten des Krieges. Damals verbreiteten Napoleonische Truppen im 1. Koalitionskrieg Angst und Schrecken. Kriege und Gewalt, Leid und Tod verdunkeln auch in unserer Zeit das Leben vieler Menschen. 

Haydn fordert in seiner Messe für Kriegszeiten mit allen ihm zur Verfügung stehenden musikalischen Mitteln den Frieden. Besonders deutlich wird das im Agnus dei. Wir werden es während der Kommunionspendung hören. Die Pauken erinnern an den Kriegslärm, und dann auffallend lange, immer wieder, manchmal fröhlich, dann wieder verzweifelt, leise flehend, laut fordernd, unzählige Male, fast beschwörend wiederholt der Chor die Bitte: „Dona nobis pacem!“ Gib uns Frieden!, und zeigt damit zweierlei:

Österlich leben heißt: Mitten im Krieg an den Frieden glauben, mitten im Tod das Leben feiern.

Und: Österliche Menschen haben einen langen Atem, denn der Weg zum Frieden ist weit und mühsam.

Die Missa in tempore belli, Haydns Messe für die Zeit des Krieges ist noch immer aktuell. Denn mit der Auferstehung des Herrn wurden Krieg und Gewalt, Leiden und Tod nicht einfach abgeschafft.

Eines aber sagt uns der Auferstandene in aller Deutlichkeit: Krieg und Gewalt, Leiden und Tod haben keine Zukunft! Was aus Liebe geschieht, was Gemeinschaft aufbaut und das Miteinander stärkt, das hat Zukunft und verändert die Welt zum Guten.

Dass Gott durch das heurige gemeinsame Osterfest von Ost- und Westkirche die Einheit der Christen stärken kann, dass er auch in Krisenzeiten die Osterhoffnung in uns lebendig halten will, und dass nicht der Tod, sondern Gott das letzte Wort hat, daran glaube ich.

Dieser österliche Glaube klingt jetzt im Credo an. Und die letzten Worte im Glaubensbekenntnis verweisen nicht auf Tod und Grab, sondern auf das ewige Leben, das Leben der zukünftigen Welt  – auf „vitam venturi saeculi.“ Dazu sagen wir in österlicher Freude heute unser „Amen!“ und „Halleluja!“