Predigten Josef Grünwidl
Predigt zum Pfingstsonntag (8. Juni 2025)
8. Juni 2025, 10:15 Uhr
Passend zum heutigen Pfingstfest, dem „Geburtstag der Kirche“, habe ich (angeregt durch eine Predigt von Pfarrer Wolfgang Raible) eine kleine Geburtstagsansprache vorbereitet:
Verehrte Jubilarin, hochgeschätzte Kirche!
Jedes Jahr zu Pfingsten feiern wir deinen Geburtstag und blicken auf dein bewegtes, langes Leben zurück. Bunt und lebendig ist es bei deiner Geburt und Feuertaufe zu Pfingsten in Jerusalem vor rund 2000 Jahren zugegangen. Von stürmischer Begeisterung und großen Missionserfolgen in deinen ersten Lebensjahren erzählt uns die Apostelgeschichte. Und die große Lebensaufgabe, die Gott dir in die Wiege gelegt hat, hast du nie aus den Augen verloren. „Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch“, hat der Auferstandene seinen Jüngern gesagt. Seit deinem Geburtstag lebst du diese Sendung im Dienst des Evangeliums. Dafür herzlichen Dank!
Aber bei allem Respekt vor deinen Verdiensten möchte ich nicht verschweigen, dass ich mir oft Sorgen um dich mache. Kirche, du bist blass und müde geworden. Dein Herz macht mir Sorgen, und oft stelle ich bei dir auch eine gewisse Sehschwäche und eine zunehmende Schwerhörigkeit fest. Siehst du die vielen Menschen, die dir enttäuscht den Rücken kehren? Hörst du die Stimmen derer, die ihre Wünsche, Erwartungen oder ihre Kritik vorbringen? Deshalb, verehrte Jubilarin, eine dringende Bitte: Erinnere dich an deinen Geburtstag zu Pfingsten in Jerusalem! Lass dich so wie die Apostel am Ostertag neu vom auferstandenen Christus anhauchen und durch Gottes Geist stärken!
Papst Franziskus hat begonnen und Papst Leo führt sie weiter, die große „synodale Kirchenkur“, die zu deiner Genesung beitragen soll. Synodalität ist ein wirksames Medikament gegen deine Schwerhörigkeit und kann dein Gehör für die leise Stimme des Heiligen Geistes sowie für die Hoffnungen und Sorgen der Menschen wieder schärfen. Die synodale Kirchenkur soll auch deine Sehkraft verbessern, sodass du wieder klar die Zeichen der Zeit und deinen Auftrag im Hier und Heute erkennst und nicht ängstlich zurück, sondern zuversichtlich nach vorne schauen und mutig neue Wege gehen kannst.
Auch gegen deine Herzschwäche kennt der Heilige Geist sicher ein Heilmittel. Du brauchst als Weltkirche ein kräftiges und liebendes Herz, nicht nur für brave Kirchenschafe, sondern auch für fragende und suchende Menschen, für kritische Geister und für solche, deren persönlicher Glaube, deren Lebensführung oder sexuelle Orientierung nicht in allem deinen kirchenrechtlichen Erwartungen entspricht. Einheit in der Vielfalt, versöhnte Buntheit, gemeinsam in unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf dem Weg sein – das alles klingt an im Bild des Paulus, der von dem einen Leib mit vielen Gliedern geredet hat. Für die Einheit in der Vielfalt brauchst du ein starkes, liebendes und weites Herz, nur dann kannst du als Weltkirche „katholisch“, das bedeutet allumfassend und für alle da sein.
Kirche, dein liebendes Herz ist gefragt, in unserer nervösen, verängstigten und zerrissenen Welt mehr denn je! Der Pfingstgeist soll dein Herz stärken, damit es nicht müde wird, für die Würde des Menschen, die Bewahrung der Schöpfung, für Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit zu schlagen.
Verehrte Jubilarin, liebes Geburtstagskind Kirche! Weil wir heute beim Pfingsthochamt die „Cäcilienmesse“, eine großartige Messkomposition von Charles Gounod hören, sei mir auch ein musikalischer Vergleich erlaubt. Die „Partitur“ und der „Dirigent“ der Kirche sind hervorragend, aber das „Kirchenorchester“ und der „Kirchenchor“ sorgen leider immer wieder für Dissonanzen. Das Evangelium ist deine „Partitur“, der Heilige Geist dein „Dirigent“. Im „Chor“ und „Orchester“ der Kirche wirken alle Getauften mit.
Und darum jetzt eine Frage an uns alle, liebe Schwestern und Brüder: Bei einem Geburtstagsfest erscheint man in der Regel nicht mit leeren Händen. Was schenken wir der Kirche zum pfingstlichen Geburtstag? Ich habe einen Vorschlag:
Schenken wir unserer Kirche ein pfingstliches Versprechen: Weil wir wissen, dass wir alle für die Gesundheit der Kirche mitverantwortlich sind und dass jede und jeder von uns dazu beiträgt, ob unsere Kirche blass und müde oder lebendig und glaubwürdig in Erscheinung tritt, versprechen wir heute: Wir werden uns intensiver als bisher mit der „Partitur“, dem Evangelium, beschäftigen und uns mehr nach dem „Dirigenten“ richten, uns vom Heiligen Geist leiten lassen und auf die leise Stimme des Gewissens hören, damit wir besser verstehen und tiefer erfassen können, was es bedeutet durch Taufe und Firmung ein lebendiger Baustein der Kirche zu sein.
Liebe Jubilarin, hochgeschätzte Kirche!
Mit diesem Geschenk gratulieren wir dir zum pfingstlichen Geburtstag und sagen: Ad multos annos, liebe Kirche! Unser Gebet für dich lautet: Komm, Heiliger Geist, erneuere, begeistere, stärke und reinige deine Kirche - und fange bei mir an!



