Rezensionen
Salome im Weinviertel
12. Juli 2025, 08:25 Uhr
Das Festival Retz feiert heuer sein 25-jähriges Bestehen. Seit zwei Jahren ist Christian Baier Intendant. Für diese Ausgabe hat er sich für ein Oratorium von Antonio Maria Bononcini als Herzstück im Programm entschieden: „La Decollazione di San Giovanni Batista“ - „Die Enthauptung Johannes des Täufers“. Gestern war Premiere in der Stadtpfarrkirche St. Stephan, die sich auch Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner nicht entgehen ließ.
Salome nun also im Weinviertel. Die bekannte Geschichte von Johannes, der König Herodes dafür kritisiert, die Frau seines Bruders geheiratet zu haben. Herodias stiftet daraufhin ihre Tochter Salome an, von Herodes den Kopf des Johannes als Belohnung für einen Tanz zu fordern. Knapp 200 Jahre vor Richard Strauss befasste sich Antonio Maria Bononcini mit dem Stoff. 1709 entstand die Azione Sacra für den Wiener Kaiserhof.
Beim Festival Retz setzt man vor allem auf eine multimediale Umsetzung: Auf fünf Leinwänden laufen diverse filmische Zuspielungen, die viel Assoziationsspielraum zulassen: kunsthistorische Zitate mischen sich mit in der Region nachgestellten Szenen und allerhand Granatapfelkernen. Dazu kommt eine choreographische Ebene mit der Figur „La Danza“. Aus dieser Fülle ergeben sich einige stimmige Bilder, manch ermüdende Wiederholungen und mitunter auch die Musik konterkarierende Ansätze. Bononcinis 90-minütige Azione Sacra ist definitiv kein musikalischer Selbstläufer, bietet aber einige schöne Momente. Das Ensemble Continuum Wien musizierte beherzt unter der Leitung von Luca de Marchi. Die auffallendste Stimme das Abends war Anna Piroli als Salome. Satt, differenziert, intonationssicher. Sehr ausgewogen die anderen Partien: Chiara Brunello als Johannes, Claudia Lippo als Herodias und Fernando Aarón García-Campero Gomez als Herodes. Die Gelegenheit einen Kirchenraum derart bespielt zu erleben ist eine mutige Geste. Das Festival Retz stand und steht seit jeher für Offene Grenzen - geographisch und gedanklich.
(Marion Eigl)



