CD der Woche

stravagante pensiero

11. Oktober 2025, 07:35 Uhr

Interpreten: concerto italiano, Rinaldo Alessandrini

Label: naive

EAN: 3700187686772

Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa, ist einer der faszinierendsten Komponisten der Spätrenaissance – berüchtigt für seine radikale Chromatik und seine düstere Biografie. Die neue CD „Stravagante Pensiero“ widmet sich seinem Spätwerk, entstanden in der Abgeschiedenheit von Neapel. Dazu gesellen sich viele weitere neapolitanische Komponisten der Renaissance Zeit, denen sich Rinaldo Alessandrini und sein Ensemble Concerto Italiano mit großer Ernsthaftigkeit und interpretatorischer Tiefe nähern.

Es ist die klangliche Klarheit und Direktheit, die diese Aufnahme für mich besonders macht. Rinaldo Alessandrini verzichtet bewusst auf übermäßigen Hall oder eine romantisierende Überakustik, wie sie sonst in vielen Gesualdo-Aufnahmen zu hören ist. Stattdessen entsteht ein intimer, fast kammermusikalischer Zugang, der die komplexe Polyphonie und die emotionale Zerrissenheit der Madrigale in den Vordergrund stellt. Hörbar genießen die sieben Sängerinnen und Sänger vor allem das „Moderne“ dieser alten Werke, die Vorhalte , Synkopendissonanzen oder Chromatik. Es ist eine Solist*innenbesetzung mit herausragenden Stimmen, wie jenen von Monica Piccinini oder Luca Dordolo, die sich hier zum Chor zusammenfügen.

So ist „Stravagante Pensiero“ sicher keine CD für nebenbei. Sie fordert Aufmerksamkeit, belohnt aber dafür mit intensiven musikalischen Momenten. Alessandrini gelingt es mit den Sängerinnen und Sängern, die expressive Tonsprache Gesualdos und seiner neapolitanischen Zeitgenossen wie Giovanni de Macque, Scipione Dentice und Ettore de la Marra nicht zu glätten, sondern in ihrer ganzen Sperrigkeit und Schönheit erfahrbar zu machen. Eine Aufnahme, die sich so von gängigen Interpretationen abhebt und Gesualdo und co. als kompromisslose Klangvisionäre zeigt – ganz ohne akustischen Weichzeichner. (mg)