Rezensionen

Viel vergossene Milch

8. Februar 2026, 08:45 Uhr

© Susanne Hassler-Smith

Nicht zu Unrecht zeigt das Programmheft ein umgefallenes Kaffee-Heferl. Die vergossene Milch dürften das Motto dieses Abends gewesen sein. Sinnlose, überflüssige Regieeinfälle durchziehen den ganzen Abend. Das beginnt schon an einer Straßenbahnhaltestelle in Wien, an der Vater Miller als Sandler sitzt. Vergossene Milch. Dann gibt es eine Beerdigung, aus dem Grab steigt eine Tänzerin in weiß. Vergossene Milch. Luisa wird von fünf Tänzerinnen begleitet, die weder im Kostüm noch in der Handlung dazu passen. Vergossene Milch. Der Palast des reichen Herrn Walter hat eine frequentierte Sauna. Vergossene Milch. Walter selbst im Brustpanzer aus dem Mittelalter. Vergossene Milch. Sein Sohn Rodolfo entweder im bodenlangen weißen Nachthemd oder in weißer Rüstung, anfangs lernen wir ihn als Pizzaboten kennen. Vergossene Milch. An großen dramatischen Momenten sorgt ein putziger, roter Teddybär dafür, dass die Dramatik sich nicht entwickeln kann. Vergossene Milch. Man könnte noch weiter fortsetzen.

Erfreulich ist aber die musikalische Umsetzung. Michele Mariotti dirigiert einen schwungvollen Verdi, er atmet mit den Sängern mit.  Doch die Übereinstimmung von Bühne, Orchester und Publikum konnte in dieser Inszenierung nicht entstehen, obwohl das Publikum die Sänger mit viel Szenenapplaus bedachte. Nadine Sierra räumte in der Titelrolle zurecht ab. Roberto Tagliavini trumpfte als Walter auf, Freddie De Tommaso sang den Rodolfo mit seiner wenig flexiblen Stimme achtbar. George Petean war ein profunder Vater Miller. Daria Sushkova musste ihre Gefühle in roter Ritterrüstung präsentieren. Marco Mimika hat für den Intriganten Wurm keinerlei diabolische Töne. In anderen Rollen würde er sicher reüssieren, als Wurm war er eine glatte Fehlbesetzung. Philipp Grigorian konnte in dieser Inszene weder als Regisseur noch als Bühnenbildner überzeugen. Er sollte das gescheite Programmheft lesen, bevor er an die Arbeit geht. Da hätte er den Sinn dieser tragischen Liebesgeschichte und die Sinnlosigkeit von Standesdünkel erkennen können. Er hätte aber auch schon am Umschlag gesehen, dass seine Arbeit Vergossene Milch ist.

Liebe Hörerinnen und Hörer, sollten Sie hingehen, nehmen Sie eine Augenbinde mit, so wie sie Vater Miller am Ende erhält. Auch dieser Regie-Einfall vergossene Milch, er verwendet sie nicht!

Wertnote nur musikalisch 7,8   ---   Gesamt 3,9

(Richard Schmitz)