Spezial
Walter Gieseking
19. September 2026, 14:00 Uhr
Der Gigant – Eine achtteilige Sendereihe zum 70. Todesjahr des Pianisten Walter Gieseking von und mit Wolfram Huber.
- Wen die Götter lieben
Sa, 19.09.2026, 14.00 Uhr (Mo, 21.09.2026, 20.00 Uhr DaCapo)
- Der Anschlagskünstler
Sa, 26.09.2026, 15.00 Uhr (Mo, 28.09.2026, 21.00 Uhr DaCapo)
- Alle wollten so spielen wie er
Sa, 03.10.2026, 15.00 Uhr (Mo, 05.10.2026, 21.00 Uhr DaCapo)
- Die Entdeckung Amerikas
Sa, 10.10.2026, 15.00 Uhr (Mo, 12.10.2026, 21.00 Uhr DaCapo)
- Mit dem Gefühl der Bewunderung
Sa, 17.10.2026, 14.00 Uhr (Mo, 19.10.2026, 20.00 Uhr DaCapo)
- Die Finger sind die Diener des Kopfes
Sa, 24.10.2026, 15.00 Uhr (Mo, 26.10.2026, 21.00 Uhr DaCapo)
- Höhepunkte
Sa, 31.10.2026, 14.00 Uhr (Mo, 02.11.2026, 20.00 Uhr DaCapo)
- Die Sonne sinkt - und keiner ahnt es
Sa, 07.11.2026, 15.00 Uhr (Mo, 09.11.2026, 21.00 Uhr DaCapo)
Es gibt Pianisten, die durch Virtuosität beeindrucken, und es gibt jene wenigen, deren Spiel eine ganz eigene Resonanz erzeugt. Walter Gieseking gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Sein Name ist bis heute untrennbar mit den Klavierwerken von Claude Debussy und Maurice Ravel verbunden, deren Klangwelt er mit einer Feinheit und Natürlichkeit erschloss, die Generationen von Pianistinnen und Pianisten geprägt hat.
Walter Wilhelm Gieseking wurde am 5. November 1895 in Lyon als Sohn deutscher Eltern geboren. Die Familie lebte zeitweise in Frankreich und Italien; sein Vater war Arzt und begeisterter Entomologe. Bemerkenswert ist, dass Gieseking bereits als Kind Klavier spielte, ohne zunächst systematischen Unterricht zu erhalten. Erst nach dem Umzug nach Hannover erhielt er eine geregelte musikalische Ausbildung am dortigen Konservatorium bei Karl Leimer, den er später stets als seinen entscheidenden Lehrer bezeichnete. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich seine Karriere mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Konzertreisen führten ihn durch Europa und später auch in die Vereinigten Staaten. Sein Spiel wurde für die außergewöhnliche Kontrolle von Anschlag, Dynamik und Pedaltechnik gerühmt. Zeitgenossen beschrieben eine Klangkultur, die weniger auf äußere Effekte als auf Transparenz und Farbigkeit setzte. Besonders in den Werken von Debussy und Ravel schien Gieseking eine Sprache gefunden zu haben, die seinem musikalischen Wesen entsprach. Seine Gesamtaufnahmen der Klavierwerke beider Komponisten gelten bis heute als Referenzen. Daneben widmete er sich intensiv Mozart, Beethoven und Scarlatti und hinterließ ein umfangreiches Tonträgererbe. Ein prägender Aspekt seiner Persönlichkeit war die Fähigkeit, Musik aus dem Gedächtnis nahezu mühelos zu erfassen und wiederzugeben. Sein legendäres Erinnerungsvermögen wurde vielfach beschrieben und trug wesentlich zu seinem internationalen Ruf bei. Gleichzeitig war Gieseking kein Künstler der großen Gesten. Seine Interpretationen wirkten oft sachlich, konzentriert und frei von Sentimentalität – Qualitäten, die auch heute erstaunlich modern erscheinen. Nicht unerwähnt bleiben kann die kontroverse Diskussion um seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus. Da Gieseking während des Zweiten Weltkriegs weiterhin in Deutschland und besetzten Ländern konzertierte, geriet er nach 1945 in die Kritik. Vorübergehend wurde seine internationale Karriere dadurch erheblich beeinträchtigt. Nach einem Entnazifizierungsverfahren konnte er jedoch wieder auftreten und knüpfte an seine früheren Erfolge an. Vielleicht erklärt ein eigenes Wort Giesekings seine künstlerische Haltung am treffendsten: „Ich glaube, dass in Debussys Musik der Einklang mit den Kräften des Lebens und der Natur spürbar ist.“ Dieser Gedanke wirkt wie ein Schlüssel zu seinem gesamten Schaffen. Nicht Brillanz um ihrer selbst willen stand im Mittelpunkt, sondern die Suche nach einem natürlichen Klangbild. Walter Gieseking starb am 26. Oktober 1956 in London während der Arbeit an einem Beethoven-Aufnahmeprojekt. Zurück blieb das Vermächtnis eines Pianisten, dessen Interpretationen bis heute durch ihre Unaufgeregtheit, ihre Farbenvielfalt und ihre bemerkenswerte Authentizität überzeugen.
(Christoph Wellner)



