Rezensionen
Wiederaufnahme Don Carlo!
18. Juli 2024, 08:45 Uhr
Kritik "Don Carlo"
Klosterneuburg 18. Juli 2024
Die operklosterneuburg wiederholt die Erfolgsproduktion des vorigen Jahres. Gestern war die Wiederaufnahme. Unser Opernexperte Richard Schmitz berichtet.
Der gestrige Abend war von besonderem Engagement geprägt. Der Dirigent Christoph Campestrini: „Es ist nämlich meine absolute Lieblingsoper von Verdi.“
Das hat er an alle weitergeben können. Orchester, Chor und Solisten sind mit Begeisterung bei der Sache. Auch Günther Groissböck ist als Regisseur ein Glücksfall. Er gibt den Sängerinnen und Sängern die Freiheit, ihre Rollen zu gestalten und voll auszusingen. Das hat zu blutvollem intensiven Gesang geführt. Alle sind an ihre Grenzen gegangen, manchmal auch darüber hinaus. Da war nicht jeder Ton schön, aber immer der Situation gerecht. Lebendiges Operntheater eben! Die Oper hat ja fast nur Hauptrollen; und die verlangen Sängerpersönlichkeiten. Groissböck sang den Philipp selbst und gestaltete ihn souverän. Seine Liebesklage und seine Eifersucht wurden nachvollziehbar herausgearbeitet; Karina Flores war nicht nur eine leidende, sondern auch eine selbstbewusste Elisabetta. Margarita Gritskova war fulminant: liebend, eifersüchtig, rachedurstig und reuig. Daniel Schmutzhard hätte ich - nach dem Danilo an der Wiener Volksoper - die Gestaltung des komplexen Charakters des Posa nie zugetraut. Eine respektable Leistung! Als Großinquisitor konnte Matheus Franca in der großen Auseinandersetzung dem Philipp von Groissböck durchaus Paroli bieten. Da wurde der Terror der Inquisition erschreckend spürbar. Auch Beniamin Pop gestaltete die Schlussszene des Kaisers Karl V. durchschlagkräftig. Die Titelrolle kommt ArthurEspiritu entgegen; der rätselhafte Charakter des Don Carlo kam gut heraus.
Es war ein lebendiges Sängerinnen und Sänger Theater, mit viel Szeneapplaus, wie man es schon lange nicht mehr gehört und gesehen hat. Man kann auch Oper spielen, ohne die Handlung zu interpretieren. Da ist ein Sänger als Regisseur gerade richtig. Die Kostüme von Andrea Hölzl suggerierten den spanischen Hof, Hans Kudlich hätte das Stift etwas mehr einbeziehen können. Schließlich sollte ja Klosterneuburg ein österreichischer Escorial werden. Wenn dann auch noch der Dirigent über sich hinauswächst, das Orchester Beethoven Philharmonie und der hauseigene Chor in Hochform sind, entsteht ein großer Abend, der auch in den anderen Wiener Häusern bestehen kann. Das begeisterte Publikum musste wegen der fortgeschrittenen Stunde – 23:15 Uhr - zu den Fahrgelegenheiten eilen.
Wertnote auf der Schmitz-Skala: 8,8/10 Punkten



