Rezensionen
Zaide oder Der Weg des Lichts.
18. August 2025, 08:20 Uhr
Wolfgang Amadé Mozarts Zaide wird selten aufgeführt. Das Fragment von 1780 gilt als Vorläufer der Entführung aus dem Serail. Bei den Salzburger Festspielen verwebt Raphaël Pichon das Singspiel mit Teilen aus anderen Kompositionen von Mozart zu einem außergewöhnlichen Ganzen. In der Felsenreitschule gab es am Ende stehende Ovationen.
Von Mozarts Singspiel Zaide fehlen die Ouvertüre und das Finale. Auch die Dialoge sind nicht überliefert. Was wird also aus dem Liebespaar Zaide und Gomatz, zwei europäischen Sklaven, die sich aus der Gefangenschaft des Sultans Soliman befreien wollen? Verzeiht der Sultan den beiden ihren misslungenen Fluchtversuch und verzichtet er auf seine Besitzansprüche auf Zaide? Oder lässt er die beiden als rachsüchtiger Herrscher und gekränkter Mann hinrichten? Und wie verhält sich Allazim, des Sultans Handlanger? Bei den Salzburger Festspielen gibt es Antworten auf diese Fragen. Zaide oder Der Weg des Lichts nennt Raphaël Pichon dieses Pasticcio in der Felsenreitschule.
Persada (ideal besetzt mit Lea Desandre) ist auf der Suche nach ihrer Mutter Zaide, die sie nie kennengelernt hat. Sie trifft auf Allazim (Johannes Martin Kränzle), der mit ihr nach anfänglichem Zögern seine Erinnerungen und die Geschehnisse von damals teilt. Raphaël Pichon verschneidet Zaide mit anderen Stücken des Genies Mozart - vorwiegend mit Teilen aus der Kantate "Davide Penitente" und der Bühnenmusik "Thamos, König in Ägypten“ - und kreiert ein absolut stimmiges Ganzes. Dieser Abend bringt unglaublich intensive und intime Momente in der nicht leicht zu bespielenden Felsenreitschule hervor. Kein Blatt passt zwischen den Dirigenten Raphaël Pichon und sein Pygmalion Orchester. Der links positionierte Klangkörper musiziert unfassbar feinfühlig. Keine Note ist hier beliebig. Ronan Khalil am Hammerklavier und Konzertmeister Afanasy Chupin seien stellvertretend herausgegriffen. Gleiches gilt für den exzellenten Pygmalion Chor. Die halbszenische Neuproduktion kommt ohne jegliche Orientanspielungen aus und entpuppt sich als zeitlos gültige Parabel auf unser Dasein. Die Sprechtexte des in Paris lebenden libanesisch-kanadischen Schriftstellers Wajdi Mouawad (ins Deutsche übersetzt von Uli Menke) sind poetisch und treffsicher zugleich. Johannes Martin Kränzle trägt sie natürlich und doch bedeutungsvoll vor.
Mozarts traumhaft schöne Musik ist völlig organisch eingebettet in das Lichtkonzept und die Choreographie. Etwas über eineinhalb Stunden war das Publikum regelrecht verzaubert. In der Titelrolle der Zaide brilliert Sabine Devieilhe. Wenn sie mit ihrem engelsgleichen Sopran singt, steht die Zeit still. Etwa in der Arie „Ruhe sanft, mein holdes Leben“. Wendig grazile Attacke zeigte sie in „Tiger! wetze deine Klauen“.
Die Solistenriege komplettieren der ausdrucksstarke Julian Prégardien als Gomatz und Daniel Behle als Sultan.
Wir wissen nicht, wen wir retten. Wir wissen nicht, wer uns rettet - heißt es am Ende dieser fabelhaften Produktion, die die exzeptionelle Größe und Tiefe Mozarts berührend und nachhaltig vermittelt.
(Marion Eigl)



