Rezensionen

Wiederaufnahme Don Giovanni.

29. Juli 2024, 09:40 Uhr

Don Giovanni 2024: Davide Luciano (Don Giovanni), Federica Lombardi (Donna Elvira), Ensemble
(c) Monika Rittershaus

Kritik Don Giovanni

Salzburg 28. Juli 2024

Seit gestern gibt es bei den Salzburger Festspielen wieder Mozarts „Don Giovanni“ in der umstrittenen Inszenierung von Romeo Castellucci. Unser Opernexperte Richard Schmitz  berichtet.

Die gestrige Vorstellung war eine Neueinstudierung, wie man mir mehrfach versichert hat. Was sich dabei seit 2021 geändert hat, konnte man mir nicht erklären. [Rezension 2021] Ich kann daher nur meinen eigenen Eindruck wiedergeben. Der Abend war sicher ein Erfolg, daran lässt sich nicht rütteln. Persönlich war ich keineswegs ebenso begeistert, wie das Publikum. Der Regisseur Romeo Castellucci wurde zwar ausgebuht, aber das gehört ja heutzutage dazu. Während der Ouvertüre wird ein riesiger Kirchenraum ausgeräumt; Bilder, Kirchenbänke und am Ende das Altarkreuz werden entfernt. Requisiteure und Bühnenarbeiter – im Programm als „Träger von Objekten“ namentlich angeführt - haben viel zu tun, ohne dass klar wird, was das mit der Oper zu tun hat. Soll die Haltung Don Giovannis in der Todesszene antizipiert werden?

Der leere Kirchenraum wird nur selten als Ort der Handlung genutzt und wenn dann meist wesensfremd. Wallende Vorhänge bilden meist den Bühnenhintergrund, verschiedene Schauplätze gibt es daher keine. In der Friedhofsszene liegen schwarz gekleidete Statisten am Boden. In diese Szene wurden überflüssige Akkorde eingebaut, offensichtlich muss man jetzt auch Mozart korrigieren. Ich möchte nicht alle Details, die mich irritiert haben auswalzen, Frauen wie gewohnt bloßfüßig in langen rosa Nachthemden und das hundertfach – es dürfte kaum eine Frau in Salzburg geben, die gestern nicht über die Bühne des Festspielhauses mehr oder weniger rhythmisch gegangen ist. Warum diese stattliche Menge, die offenbar aus Leporellos Register ausgewählt wurde, in der Todesszene keine Rolle spielt, bleibt ein Rätsel der Regie. Das Ziel, Don Giovanni als potenten Liebhaber möglichst vieler Frauen darzustellen, konnte in meinen Augen nicht einmal ansatzweise gezeigt werden.

Doch nun zu Erfreulicherem: Gesungen wurde wunderbar. Davide Luciano hat die herrische Stimme und setzt sie auch ein, die sogenannte Champagnerarie musste er mehr bellen als Singen. Kyle Ketelsen passt als Leporello ausgezeichnet dazu, kleinere Stimme und unterscheidbares Timbre. Anfangs dominierte Federica Lombardi als Donna Elvira, gegen Ende eher Nadezhda Pavlova als Donna Anna. Julian Prégardien trug seine unvorteilhaften Kostüme – einmal sogar als Pierrot – mit Gleichmut. Gesungen hat er einen bewegenden Don Ottavio. Anna El-Khashem als Zerlina und Ruben Drole als Masetto waren ein verlässliches Paar. Dmitry Ulyanov wurde als Commendatore schreckerregend verstärkt. 

Gespielt und gesungen haben Utopia-Chor und -Orchester. Der sirrende Ton der Streicher und das Scheppern der Blechbläser waren unüberhörbar. Mein Kollege aus Mailand hat auf meine Frage , wie ihm das Utopia-Orchester gefällt, gesagt: „Das Mozarteumorchester unter Ádám Fischer war gestern herrlich.“ Teodor Currentzis war gestern in seinem Element; überzogene Tempi, bedeutungsvolle Generalpausen, zelebrierte Rezitative alles wie gewohnt. Trotzdem eine runde Leistung, auch wenn ich die Übersteigerung der Fangemeinde nicht goutiere. Das hat mir schon bei Karajan nicht gefallen. (RS)

Wegen der überzeugenden sängerischen Leistungen Note 8,3 /10 Punkten!